deutsch | english
Leitstern 2008 > Länderprofile  > Baden-Württemberg 

Baden-Württemberg:

Musterländle für Erneuerbare Wärme

Späne aus dem Sägewerk werden zu Holzpellets veredelt.

„Wir rechnen mit besonders spitzem Bleistift“

Das Rattern der meterhohen Maschinen ist ohrenbetäubend. Christian Wangler muss fast schreien, um sich Gehör zu verschaffen. „Hier veredeln wir unsere Sägenebenpodukte und unsere Abwärme“, sagt der Betriebsleiter der Dold Holzwerke im badischen Buchenbach, und deutet mit einer halbkreisförmigen Handbewegung auf die hallenfüllende Anlage ringsum. Aus naturbelassenen Sägespänen, die bei der Produktion von Brettern und Balken in der Sägerei reichlich anfallen, wird hier ein zukunftsträchtiger, hochwertiger Brennstoff gewonnen: Holzpellets.

„So können wir den gesamten Baumstamm komplett verwerten“, beschreibt Wangler das integrierte Energie- und Nutzungskonzept bei Dold. „Unser Kerngeschäft ist das Sägeholz. Rinde und Verschnitt werden zu Holzhackschnitzeln verarbeitet. Diese gehen zum Teil in die Zellstoffindustrie, zum Teil aber auch in unser eigenes Heizkraftwerk.“ Damit decken die traditionsreichen Holzwerke ihren eigenen Energiebedarf und speisen darüber hinaus noch Strom ins öffentliche Netz ein. 1,2 Megawatt Leistung bringt das umweltfreundliche Kraftwerk – und vermeidet dank seines klimaneutralen Brennstoffs die Emission von rund 17.000 Tonnen CO2 pro Jahr. „Die Sägespäne aber“, ruft Wangler neben einem etwa 20 Meter langen und sechs Meter breiten, dröhnenden Kasten, „werden hier in unserer Bandtrockenanlage mit der Abwärme aus dem Kraftwerk getrocknet, dann gemahlen und in zwei Pelletieranlagen zu Pellets gepresst. Und zwar in Premiumqualität, die sogar den DINplus-Standard übertrifft.“ Gut 30.000 Tonnen erstklassige Holzpellets aus dem Schwarzwald werden so pro Jahr erzeugt – und finden reißenden Absatz. Christian Wangler ist zufrieden: „Der Markt entwickelt sich, wir verzeichnen einen deutlichen Zuwachs.“

Vermarktung und Vertrieb der Pellets aus Buchenbach hat die Schellinger KG  aus dem oberschwäbischen Weingarten übernommen. Geschäftsführer Helmut Schellinger ist einer der Pioniere auf dem deutschen Markt. Schon 1998 hat er die ersten Holzpellets gepresst. Heute trägt ein Viertel der in Baden-Württemberg erzeugten Holzpresslinge den Namen „Sonnen-Pellets“, den sich Schellinger für sein Produkt hat schützen lassen. „Wer mit Holzpellets heizt, nutzt einen Brennstoff, für den es einen funktionierenden Markt gibt, der in einem regionalen Kreislauf erzeugt und vertrieben wird und darüber hinaus aktiv das Klima schont“, betont Schellinger.

 

Ein Pelletofen schmückt das Wohnzimmer, Foto: wodtke GmbH

Sinnvolle Kombination: Holzheizung und Sonnenwärme

Eine Sichtweise, der Christiane Wodtke uneingeschränkt zustimmt. Die Unternehmerin aus Tübingen ist der kreative Kopf eines Ofenherstellers der besonderen Art: Die Wodtke GmbH baut, nein: kreiert Pellet- und Scheitholzöfen, die bereits mit einer ganzen Reihe von Designpreisen und Umweltschutzzertifikaten ausgezeichnet wurden. Einen Ofen aus dem Hause Wodtke stellt man nicht verschämt in den Heizungskeller, sondern als zentrales Schmuckstück ins Wohnzimmer. „Innerhalb der Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien spielen die biogenen Festbrennstoffe - also vor allem Holz und Holzpellets - eine wachsende Rolle“, erklärt Christiane Wodtke und ergänzt: „Sie lassen sich hier in Süddeutschland zudem besonders sinnvoll mit Sonnenkollektoren kombinieren.“

Die Plusenergiehäuser in der Freiburger Solarsiedlung produzieren Nebeneinnahmen statt Nebenkosten.

Ein Beispiel hierfür ist das spektakuläre Heliotrop des Freiburger Architekten Rolf Disch. Dieses drehbare Solarhaus nutzt die Kraft der Sonne optimal aus für die Strom- und Wärmeerzeugung. Lediglich an wolkenreichen Wintertagen wird hier ein Pelletofen von Wodtke angeheizt, der die Heizung und Warmwasserbereitung unterstützt. Wie im Heliotrop, ist auch in der nahe gelegenen, ebenfalls von Disch konzipierten Freiburger Solarsiedlung das Prinzip des „Plusenergiehauses“ verwirklicht. Plusenergiehäuser gehen über den Standard von Niedrigenergie- und Passivhäusern hinaus und erzeugen mehr Energie als sie verbrauchen. Das Dach und sogar die Fassade bestehen aus Photovoltaikmodulen und Solarkollektoren. Die gewonnene Wärme temperiert das Brauchwasser, der erzeugte Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Für die Bewohner werden auf diese Weise Nebenkosten zu Nebeneinnahmen – und gleichzeitig leisten sie einen Beitrag zum Klimaschutz.

 

Baden-Württemberger erkennen die Vorteile Erneuerbarer Wärme

Projekte wie die Solarsiedlung sind in Baden-Württemberg auf dem Vormarsch. Aber auch in Altbauten wird zunehmend auf regenerative Wärme gesetzt. Und das nicht erst, seit die Landesregierung ein Gesetz verabschiedet hat, das von April 2008 an den Einsatz Erneuerbarer Wärme beim Neubau eines Hauses verpflichtend vorschreibt. Ab 2010 muss auch in bestehenden Gebäuden, in denen ein Heizungsaustausch ansteht, ein Teil der Wärme aus regenerativen Quellen kommen.

Im Ländle weiß man längst, dass Sonnenenergie mehr kann als nur Wäsche trocknen.

Warum aber setzen schon heute so viele Häuslebauer und -besitzer im „Ländle“ auf Erneuerbare Energien? Christiane Wodtke hat eine mögliche Erklärung dafür: „Vielleicht rechnen wir ja mit besonders spitzem Bleistift, denn wir wollen ja auch bei den Ressourcen sparen.“ Fakt ist: In der Statistik des Bundesamts für Statistik und Ausfuhrkontrolle (BAFA) liegt Baden-Württemberg mit bislang knapp 20.000 öffentlich geförderten Erneuerbare-Wärme-Anlagen zwar noch hinter Bayern, aber mit deutlichem Abstand vor allen anderen Bundesländern.

Die Politik sieht die Entwicklung mit Wohlgefallen: „Ich habe den Eindruck, dass erneuerbare Energien bei den Neubauvorhaben in Baden-Württemberg zum Standard geworden sind“, sagt die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner (CDU). Sie ist zuversichtlich, dass sich dieser Erfolg auch auf die Altbauten übertragen lässt, von denen allein 1,5 Millionen bis 1978 – und damit vor Inkrafttreten jeglicher energetischer Vorgaben – gebaut wurden. „Denn“, so begründet die Ministerin ihre Hoffnung, „ich glaube, dass die Menschen sensibilisiert sind und die Vorteile erkennen“.

 

Erdwärme ist unerschöpflich

Diesen Eindruck gewinnt auch Anita Burkhardt, deren Familienbetrieb im nordbadischen Neuweiler auf das Bohren und Verlegen von Erdwärmesonden  spezialisiert ist. „Annähernd 90 Prozent unserer Aufträge sind derzeit Altbausanierungen“, so Burkhardt. „Durch die steigenden Energiekosten haben wir besonders viele Kunden im Umrüstungsbereich gewonnen.“ Mit Hilfe einer Wärmepumpe kann die konstante Temperatur oberflächennaher Erdschichten (bis 150 Meter Tiefe) sowohl für die Gebäudeheizung als auch zur Klimatisierung im Sommer genutzt werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Sonde ins Erdreich ist nach ihrer Installation – z.B. im Garten oder unter der Garagenauffahrt – unsichtbar. Die Wärmepumpe im Haus hat nur einen geringen Platzbedarf, etwa vergleichbar mit dem eines Kühlschranks. Ein Tank- oder Lagerraum für Brennstoff ist nicht erforderlich, denn außer der quasi unerschöpflichen Erdwärme benötigt die Wärmepumpe lediglich Strom, um Heizwärme zu erzeugen.

 

Da die regenerativen Wärmequellen Sonne, Erde und Holzpellets nicht nur klimaschonend sind, sondern auch um ein Vielfaches günstiger als die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe, amortisiert sich der teilweise oder komplette Umstieg auf Erneuerbare Energien meist schon nach wenigen Jahren. Bei dieser Rechnung sind anfängliche Investitionskosten und eventuelle Zinsen für die Kapitalbeschaffung bereits berücksichtigt.

Und so ist das baden-württembergische Wärmegesetz, ganz im Sinne der zuständigen Ministerin, vielleicht nur der notwendige Impuls, der die Nutzung Erneuerbarer Wärme zum Selbstläufer werden lässt.

Grafiken zum Heizkostenvergleich

Profitieren werden letztlich alle: innovative mittelständische Unternehmen, die sich zu Markt- und Technologieführern entwickelt haben; die Verbraucher, deren Energiekosten langfristig erschwinglich bleiben; und nicht zuletzt die kommenden Generationen, denen der Klima- und Umweltschutz in heutiger Zeit unmittelbar zu Gute kommt.

 

Text und Fotos ohne Quellenangabe: Philipp Vohrer

(ca. 7.500 Zeichen)

 

Fotos zum Download

Pellets1 Produktion Dold-Holzwerke Pellets1 Produktion Dold-Holzwerke JPG 2.7 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Pellets2 Pelletslager Schellinger Pellets2 Pelletslager Schellinger JPG 3.6 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Pellets3 Montage Pelletofen Wodtke Pellets3 Montage Pelletofen Wodtke JPG 2.5 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Pellets3 Wodtke-Pelletofen Pellets3 Wodtke-Pelletofen JPG 2.0 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Solarsiedlung Freiburg Solarsiedlung Freiburg JPG 4.3 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Solarthermie1 Dorf Solarthermie1 Dorf JPG 2.4 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Solarthermie2 Haus Solarthermie2 Haus JPG 3.9 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen
Wärmepumpe1 Bohrung Burkhardt Wärmepumpe1 Bohrung Burkhardt JPG 3.2 MB Zeige DateiDownloadZum Klemmbrett hinzufügen