deutsch | english
Leitstern 2008 > Länderprofile  > Brandenburg 

Perspektiven statt Altlasten – auf ehemaligen Militärflächen wird Energie erzeugt

Ein sonniger Herbsttag in Brandenburg: morgens liegt Raureif auf den Wiesen, der Wald ist bunt gefärbt, es riecht nach Pilzen. Entlang der Waldwege steht alle 50 Meter ein Schild mit der Aufschrift „Betreten auf eigene Gefahr!“ Das Gelände nahe Jüterbog und Luckenwalde ist ehemaliges Militärgebiet, zwei ehemalige Truppenübungsplätze mit mehr als 21000 ha flankieren die beiden Städte. Den Truppenübungsplatz östlich von Jüterbog hat schon die königlich-preußische Armee für Manöver und Schießübungen genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg bis 1994 war hier die russische Armee stationiert. Von den umfangreichen Militärbauten ist nicht viel übrig geblieben. Zwei Wachtürme sind noch zu sehen, hier und da eine fensterlose Ruine und ein Hügel, der eigentlich ein begrabener Bunker ist.

Neu sind die Windenergieanlagen, die seit einem Jahr auf dem ehemaligen Übungsplatz stehen und mehr Strom erzeugen, als 30.000 4-Personen-Haushalte verbrauchen. Die Firma Enercon hat einen Teil des Geländes von der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg gepachtet und dort 31 hauseigene Windturbinen Modell E-70 errichtet. Eine Bedingung dafür war, die Heidelandschaft zu erhalten. Über Jahrzehnte haben Manöver und Schießübungen einen kargen und trockenen Naturraum hinterlassen, in dem sich seltene Insekten und Vögel angesiedelt haben. Das Projektteam von Enercon hat deshalb einen Schäfer engagiert, der mit seiner Herde dafür sorgt, dass sich Birken und Kiefern nicht weiter ausbreiten.

Die Pflanzen, die auf dem sandigen Heideboden gedeihen, sind keine üppige Nahrung für Schafe. Silbergras, Ginster und Besenheide – „nicht jede Rasse kann das vertragen“ sagt Schäfer Jürgen Körner. „Die Bentheimer Landschafe schon, die geben sich mit wenig zufrieden“. Etwa 600 Tiere weiden jetzt zwischen den Windenergieanlagen, die Hälfte der 300 ha großen Fläche schaffen sie pro Jahr. Hinzu kommen ein paar Ziegen und die beiden weißen Tatra-Schäferhunde. „Die sorgen dafür, dass sich niemand der Herde nähert – man weiß ja nie, mit den Wölfen“. Im östlichen Brandenburg und in der sächsischen Lausitz leben bereits Rudel, ist sich Herr Körner sicher. Warum sollen die nicht auch bis zum Heidehof wandern, das Gebiet ist schließlich riesig und schwer einsehbar.

Der ehemalige Truppenübungsplatz ist eine der Kernzonen für das Projekt „Ökologischer Korridor Südbrandenburg“. Im Rahmen des Projektes will die Stiftung Lebensräume für Wildtiere wie Wolf, Rothirsch, Fischotter und Biber miteinander vernetzen und den Tieren so großräumige Wanderbewegungen ermöglichen.

Rund um die Windenergieanlagen wurden im Auftrag von Enercon die Munitionsreste der „Vorbesitzer“ entfernt. Der Bunker im Heidehof ist aus Sicherheitsgründen zugeschüttet – mitsamt den alten Sofas, die Jugendliche aus der Umgebung hinein bugsiert hatten. Das Ordnungsamt schaut trotzdem ab und an nach dem Rechten; vor allem am Wochenende nutzen Jugendliche das Gelände noch zum Feiern. Und „in die Pilze“ gehen die Bewohner der umliegenden Dörfer trotzdem, auch wenn sie den Wald dann auf eigene Gefahr betreten.

Text und Fotos: Undine Ziller