Wissenschaftler und Experten bestreiten Notwendigkeit einer Laufzeitverlängerung

Offener Brief

Längere Laufzeiten der Atomkraftwerke und zusätzliche Kohlekraftwerke schaden den Erneuerbaren Energien

 

Deutschland hat beachtliche Fortschritte beim Ausbau der Erneuerbaren Energien gemacht. Ihr Anteil im Strom-, Wärme- und Verkehrssektor ist seit 1990 in parteiübergreifendem Konsens kontinuierlich gesteigert worden. Ihr Ausbau wird auf breiter gesellschaftlicher Basis vorangetrieben und hat die Schaffung von 280.000 Arbeitsplätzen vor allem im Mittelstand ermöglicht. Alle Bundesregierungen seit Beginn der 1990er Jahre haben verlässliche Rahmenbedingungen etabliert, die unsere internationalen Klimaschutzverpflichtungen mit den Zielen einer kostengünstigen und zuverlässigen Energieversorgung verbinden. Ein Baustein dieser Energiepolitischen Modernisierungsstrategie ist der im Jahr 2000 im Konsens mit den Betreibern vereinbarte mittelfristige Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie. Für die Kernkraftwerksbetreiber hatte der Beschluss dauerhafte Vorteile: Statt verschärften Sicherheitsauflagen wurde Bestandsschutz garantiert, der Staat verzichtete auf einen Beitrag zur Versicherung des Haftungsrisikos der Kernenergie, Kernbrennstoffe blieben unbesteuert. Gleichzeitig wirkte der Ausstiegsbeschluss als ein entscheidender Anreiz zur Steigerung von Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien im deutschen Kraftwerkspark.
Mit einer Aufkündigung des Atomkonsenses durch eine zukünftige Bundesregierung würde dieser dynamische Prozess ohne Not in Frage gestellt.

Der unausweichliche Strukturwandel der Energiewirtschaft – weg von Uran und fossilem Ressourcenverbrauch, hin zur Nutzung der Erneuerbaren Energien – würde verzögert und gefährdet. Unter vielen Wissenschaftlern und Experten herrscht ein breiter Konsens darüber, dass die vermeintliche Begründung einer Laufzeitverlängerung falsch ist. Zahlreiche Gutachten und Studien der letzten Monate haben den Beweis geführt, dass auch ohne Laufzeitverlängerung keine Stromlücke droht, sondern vielmehr mit einer Laufzeitverlängerung und zusätzlichen Kohlekraftwerken ein massiver Systemkonflikt in der Stromerzeugung entstünde und volkswirtschaftliche Einbußen zu erwarten wären.

Eine nüchterne Analyse der deutschen Energiewirtschaft lässt erkennen, dass der Weiterbetrieb von Kernkraftwerken und der Neubau von Kohlekraftwerken nicht vereinbar sind mit den beschlossenen Ausbauzielen für Erneuerbare Energien.

1. Grundlastkraftwerke sind nicht Brücken-, sondern Barrieretechnologie für Erneuerbare Energien.
Kernkraftwerke sind – wie der überwiegende Teil der Kohlekraftwerke – als Grundlastkraftwerke darauf ausgelegt, konstant betrieben zu werden. Sie sind technisch nur schwer zu regeln und daher nicht flexibel genug, um auf die wetterabhängige Einspeisung von Wind- und Solarstrom reagieren zu können.
Bleibt es bei der bisherigen Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren Energien, können diese immer häufiger auch die bisher von Grundlastkraftwerken abgedeckte Versorgung übernehmen. Soll jedoch gleichzeitig der Bestand an Grundlastkraftwerken konstant bleiben bzw. steigen, müssten auch immer häufiger Erneuerbare-Energien-Anlagen zugunsten der durchlaufenden Grundlastkraftwerke vom Netz genommen werden. Dies würde den Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht erleichtern, sondern unwirtschaftlich machen und deckeln. Darüber hinaus würden wertvolle fossile Rohstoffe, die dringend für die stoffliche Verwertung benötigt werden, für die Energieerzeugung verschwendet, obwohl die Erneuerbaren Energien zur Verfügung stünden.

Quellen:
• Fraunhofer IWES: Dynamische Simulation der Stromversorgung in
Deutschland nach dem BEE-Szenario „Stromversorgung 2020“. Berlin,
September 2009.
• Bernhard Hoffschmidt/Marco Lanz u.a.: Struktur und Dynamik einer
Stromversorgung mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energieerzeuger.
Aachen, August 2009.
• Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU): Weichenstellungen für
eine nachhaltige Stromversorgung. Berlin, Mai 2009.
• Uwe Buesgen/Uwe Leprich: Stromlücke in Deutschland? Der
traditionelle Ansatz greift zu kurz. In: Energiewirtschaftliche
Tagesfragen, April 2009.
• Agentur für Erneuerbare Energien (AEE)/Bundesverband Erneuerbare
Energie (BEE): Stromversorgung 2020. Wege in eine moderne
Energiewirtschaft. Berlin, Januar 2009.

 

2. Es gibt keine Stromlücke.
Bei planmäßiger Fortsetzung des Atomausstiegs steht auch unter konservativen Annahmen im Jahr 2020 zum Zeitpunkt der Jahreshöchstlast ausreichend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung. Der Bedarf an Grundlastkraftwerken schrumpft umso schneller, je stärker die Kapazitäten Erneuerbarer Energien ausgebaut werden. Mit den bestehenden Speicherkraftwerken und dem Verbundnetz verfügt der Stromexporteur Deutschland auch in Zukunft über ausreichende Kapazitäten zur Netzintegration fluktuierender Erneuerbarer Energien. Voraussetzung ist ein Rückgang des Bestands an Grundlastkraftwerken bei fortschreitendem Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Quellen:
• Wuppertal-Institut/Bundesumweltministerium: Hindernis Atomkraft -
Die Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke auf
erneuerbare Energien. Berlin, April 2009.
• Büro für Energiewirtschaft und technische Planungen (BET):
Versorgungssicherheit in der Elektrizitätsversorgung. Kritische
Würdigung der dena-Kurzanalyse zur Kraftwerks- und Netzplanung in
Deutschland bis 2020. Aachen, Dezember 2008.
• EUTech: Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland. Stellungnahme
zur Dena-Kurzstudie „Kraftwerks- und Netzplanung in
Deutschland bis 2020“. Aachen, September 2008.
• Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Monitoring-
Bericht des nach § 51 EnWG zur Versorgungssicherheit im Bereich der
leitungsgebundenen Versorgung mit Elektrizität. Bonn, Mai 2008.
• Felix Chr. Matthes/Hans-Joachim Ziesing: Die Entwicklung des
deutschen Kraftwerksparks und die aktuelle Debatte um die künftige
Strombedarfsdeckung. Berlin, April 2008.

 

3. Laufzeitverlängerungen gefährden den Klimaschutz.
Strom aus Kernkraftwerken ist grundsätzlich nicht CO2-neutral, sondern durch die vorgelagerte Produktionskette des Kernbrennstoffs mit steigenden CO2-Emissionen verbunden. Kernenergie schafft keinen Fortschritt für den Klimaschutz. Ein Beitrag von Laufzeitverlängerungen für das Erreichen unserer internationalen Klimaschutzverpflichtungen ist nicht festzustellen, da von der Kernenergie keine Substitutionseffekte ausgehen: Durch Laufzeitverlängerungen würde Betreibern weder ein Anreiz gegeben, die noch laufenden Hauptemittenten, nämlich Kohlekraftwerke, schneller abzuschalten, noch wären Laufzeitverlängerungen notwendigerweise mit einem Stopp von Neubauvorhaben für fossile Großkraftwerke verbunden. Der Effekt von Laufzeitverlängerungen würde sich klimapolitisch vielmehr als kontraproduktiv erweisen, da der Ersatz fossiler Großkraftwerke durch Erneuerbare Energien verzögert und gedeckelt würde. Bei einem länger anhaltenden hohen Anteil von Atomstrom im Strommix würde voraussichtlich auch die CO2-Reduktionsleistung des Emissionshandels in Deutschland weiter unterminiert.

Quellen:

• Umweltbundesamt (UBA): Konzeption des Umweltbundesamtes zur
Klimapolitik. Notwendige Weichenstellungen 2009. Dessau, Oktober
2009.
• Öko-Institut: Streitpunkt Kernenergie. Eine neue Debatte über alte
Probleme. Freiburg, September 2009.
Seite 5/7
• Joachim Nitsch/Bernd Wenzel: Langfristszenarien und Strategien für
den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland. Leitszenario 2009.
Stuttgart/Teltow, August 2009.
• Kurt Kleiner: Nuclear energy: assessing the emissions. In: Nature
Reports, Oktober 2008.
• Benjamin K. Sovacool: Valuing the greenhouse gas emissions from
nuclear power: A critical survey. In: Energy Policy (36) 2008, Juni 2008.


4. Nicht Kernenergie, sondern Erneuerbare Energien entlasten unsere Volkswirtschaft.
Werden neben Steuereinnahmen die Beschäftigungseffekte, die eingesparten Brennstoffimporte und vermiedenen Umweltschäden durch Erneuerbare Energien mit den heutigen und zukünftigen Ausgaben gegengerechnet, dann ergibt sich eine eindeutige Netto-Entlastung unserer Volkswirtschaft. Der Vorrang Erneuerbarer Energien im Stromnetz wirkt schon heute auf den Strombörsen als Preisdämpfer. Die gezielte Förderung Erneuerbarer Energien hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten deren Stromgestehungskosten massiv senken können. In bestimmten Segmenten ist bereits die Wettbewerbsfähigkeit mit konventionellen Kraftwerken erreicht. Diese dynamische Entwicklung würde durch Laufzeitverlängerungen und den Bau zusätzlicher Kohlekraftwerke ausgebremst. Dadurch, dass bisher die externen Kosten weder für die Kernenergie noch für fossile Energieträger angemessen beziffert und eingepreist werden, würde dieser Wettbewerbsvorteil dagegen weiter verstärkt. Die Abhängigkeit von Brennstoffimporten bliebe auf hohem Niveau bestehen.


Quellen:
• Umweltbundesamt (UBA): Klimaschutz und Versorgungssicherheit.
Entwicklung einer nachhaltigen Stromversorgung. Dessau, September
2009.
• Joachim Nitsch/Bernd Wenzel: Langfristszenarien und Strategien für
den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland. Leitszenario 2009.
Stuttgart/Teltow, August 2009.
• Bernd Wenzel: Nutzen durch erneuerbare Energien im Jahr 2008.
Vermiedene fossile Energieimporte und externe Kosten. Teltow, Juni
2009.
• Landtag Nordrhein-Westfalen: Bericht der Enquetekommission zu den
Auswirkungen längerfristig stark steigender Preise von Öl- und
Gasimporten auf die Wirtschaft und die Verbraucherinnen und
Verbraucher in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf, Mai 2008.
• Jochen Diekmann/Wolfram Krewitt u.a.: Abgestimmtes Thesenpapier
„Merit-Order-Effekt“ im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit. Berlin, September 2007.

 

5. Laufzeitverlängerungen behindern den Wettbewerb auf den Energiemärkten.
EU-Kommission und Kartellbehörden haben in der Vergangenheit vielfach das Oligopol im deutschen Stromsektor kritisiert. Die Betreiber von Kernkraftwerken sind weitgehend identisch mit den vier Unternehmen, die Stromerzeugung und Netzbetrieb dominieren. Die Neuinvestitionen dieser Unternehmen in Erneuerbare Energien waren bisher – trotz der attraktiven gesetzlichen Rahmenbedingungen – im Verhältnis zu den erzielten Unternehmensgewinnen stark unterdurchschnittlich. Die jährlichen Zusatzgewinne der Kernkraftwerksbetreiber können die Höhe eines zweistelligen Milliardenbetrags erreichen. Durch das Überangebot von Erzeugungskapazitäten würde kein Anreiz mehr bestehen, in Erneuerbare-Energien-Anlagen zu investieren. Der Markteintritt unabhängiger Anbieter würde mit der Stärkung des Oligopols weiter erschwert.


Quellen:
• Bernhard Heitzer: „Kartellwächter gegen längere AKW-Laufzeiten“.
Interview, Handelsblatt, 11. Oktober 2009.
• Monopolkommission: Strom und Gas 2009: Energiemärkte im
Spannungsfeld von Politik und Wettbewerb. Bonn, Juli 2009.
• Öko-Institut: Laufzeitverlängerungen für die deutschen
Kernkraftwerke? Kurzanalyse zu den potenziellen Strompreiseffekten.
Freiburg, Juni 2009.
• Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW): Investitionen der
vier großen Energiekonzerne in Erneuerbare Energien. Bestand, Ziele
und Planungen von E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall konzernweit und
in Deutschland. Berlin, März 2009.
• Deutscher Bundestag: Sondergutachten der Monopolkommission
gemäß § 62 Abs. 1 des Energiewirtschaftsgesetzes – Strom und Gas
2007: Wettbewerbsdefizite und zögerliche Regulierung. BT-Drucksache
16/7087. Berlin, November 2007.


Anhand der oben genannten Argumente und Studien bitten wir dringend darum, die Gründe für eine Laufzeitverlängerung kritisch zu hinterfragen und eine Entscheidung zugunsten der erfolgreichen Weiterentwicklung Erneuerbarer Energien in Deutschland zu treffen.

Dr. Bernd Hirschl, Leiter, Forschungsfeld Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz, IÖW - Institut für ökologische Wirtschaftsforschung gGmbH
Prof. Dr. Eberhard Jochem, Co-Direktor, Centre for Energy Policy and Economics (CEPE) ETH
Prof. Dr. Uwe Leprich, Wissenschaftlicher Leiter, Institut für Zukunftsenergiesysteme, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Jörg Mayer, Geschäftsführer, Agentur für Erneuerbare Energien
PD Dr. Lutz Mez, Geschäftsführer, Forschungsstelle für Umweltpolitik an der FU Berlin
Stefan Peter, Senior Scientist, Institute for Sustainable Solutions and Innovations (iSuSI), Aachen
Prof. Dr. Dr. h.c. Udo E. Simonis, Herausgeber des "Jahrbuch Ökologie", Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)
Dr. Bernd Wenzel, Geschäftsführer, Ingenieurbüro für Neue Energien (IfNE)

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Jörg Mayer, Agentur für Erneuerbare Energien e.V.,
Tel: 030-200535-59, kontakt@unendlich-viel-energie.de

 

Herausgeber: Agentur für Erneuerbare Energien