Bayern – Don Quichotte der deutschen Energiepolitik? Ohne Windkraft verliert das Land den Anschluss an eine moderne und nachhaltige Energieversorgung, die den nationalen und internationalen Klimazielen gerecht wird
Weiherhammer, 24.6.2008 - Vor rund zwei Wochen hat der Deutsche Bundestag mit großer Zustimmung der CSU-Abgeordneten ein novelliertes Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen. Darin wird der herausragenden Rolle der Windkraftnutzung an Land für eine klimafreundliche Energieversorgung dadurch Rechnung getragen, dass die zukünftige Vergütung den weiteren Ausbau nicht nur möglich machen, sondern sogar noch beschleunigen soll – und zwar auch im Süden Deutschlands. Vor Ort wollen das einige der verantwortlichen Politiker jedoch noch immer nicht wahrhaben und stellen sich – wie einst Don Quichotte – dagegen, dass diese regenerative Spitzentechnologie auch in Bayern entsprechend ihren Potenzialen zum Zug kommt.
Nach dem Willen der Bundesregierung und der Parlamentarier aus den Regierungsparteien soll der Anteil der erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne oder Biomasse allein im Strombereich von derzeit 14 % auf mindestens 30 % im Jahre 2020 wachsen. Dies ist ein zentraler Baustein des deutschen Energie- und Klimaschutzprogramms.
Es soll u. a. das in die Praxis umsetzen, was die Europäische Union im März 2007 unter der Präsidentschaft der Bundeskanzlerin an Klimaschutzzielen beschlossen hat. Die Europäische Kommission fordert demnach einen Anteil erneuerbarer Energien am gesamten(!) Endenergieverbrauch (Strom, Wärme, Verkehr) der EU in Höhe von 20 % bis 2020 als verbindliches Ziel. Deutschland erhält voraussichtlich ein nationales Ziel von 18 % bis 2020.
In Bayern liegt der Anteil der regenerativen Energien am Primärenergieverbrauch immerhin bei 8 %. Bis 2020 soll er im Rahmen des "Klimaprogramms 2020" nochmals verdoppelt werden. Doch ohne Windkraft, davon ist auszugehen, bleiben Bayerns Klimaziele nur ein frommer Wunsch: Alle ernsthaften Konzepte über unsere zukünftige Energieversorgung messen dem Ausbau der Windkraftnutzung an Land ("onshore") eine zentrale Bedeutung bei, um die genannten Ziele in dem engen Zeitrahmen, wie er uns durch internationale und nationale Vorgaben gesetzt ist, jemals erreichen zu können.
Nach Berechnungen des Bundesverbands WindEnergie (BWE) könnte die Windenergie in Deutschland bis 2020 rund 110 Mrd. kWh – das sind 20 % des Stromverbrauchs – allein aus Anlagen an Land (45.000 MW) zur Verfügung stellen. Und dies zu Kosten, die deutlich unter denen von Offshore-Windparks liegen. Sie ist damit auch Garant für eine Senkung der Gesamtkosten des EEG beim privaten, gewerblichen und industriellen Verbrauch. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass der gesamte Kraftwerkspark Deutschlands in den nächsten Jahren in einer Größenordnung von 30 bis 40 GW Leistung ersetzt und erneuert werden muss.
Bayerische Unternehmen haben längst die wirtschaftlichen Chancen erkannt, die in diesem "Energiewandel" liegen: Gerade hat Bosch in Nürnberg mit dem Bau eines Werks begonnen, in dem zukünftig Großgetriebe für Windkraftanlagen gefertigt werden. Mit einer Investitionssumme von 180 Millionen € werden dort rund 360 dauerhafte Arbeitsplätze geschaffen. Aber für auch SKF und INA-Schaeffler in Schweinfurt, IMO in Mittelfranken, für AREVA in Regensburg, Loher in Niederbayern, für die Flugzeug-Union Süd in Ottobrunn und viele andere bayerische Unternehmen liegt die Zukunft heute in der Windkraft! So auch für Gusstec in der Oberpfalz: Das Unternehmen kann auf eine jahrhundertelange Erfahrung in der Gusstechnik bauen. Rund 200 bestens qualifizierte Mitarbeiter/innen fertigen heute weltweit eingesetzte, hoch beanspruchte Teile – insbesondere für moderne Windenergieanlagen.
Für die Windkraftnutzung an Land spricht insbesondere, dass deren Technik nach zwanzig Jahren Entwicklung als absolut ausgereift, sehr zuverlässig und höchst effizient gilt. Dies gilt auch für die damit einhergehenden Umweltauswirkungen wie Schall und Schatten, Vogelschlag, Eiswurf und Flächenverbrauch, die längst auf ein unschädliches Minimum reduziert sind. Diese Erfolgsstory deutschen Maschinenbaus wurde übrigens nicht zuletzt durch das 1991 in Kraft getretene Stromeinspeisungsgesetz – dem Vorläufer der EEG – ermöglicht, das der inzwischen verstorbene CSU-Bundestagsabgeordnete Matthias Engelsberger initiiert hatte.
Außerdem können moderne Windkraft-Technologien "made in Germany" mit höheren Türmen und größeren Rotorendurchmessern auch in bislang für die Energiegewinnung aus Windkraft nicht relevanten Regionen große Stromerträge erzielen. In der intelligenten Kombination mit den anderen erneuerbaren Energien (Wasser, Sonne und vor allem Biomasse) lässt sich zudem ein hoher Grundlast-Anteil für die regionale Versorgung erreichen – Stichwort "Regeneratives Kombikraftwerk".
Dies hat insbesondere für südliche Bundesländer über den Gewinn an mehr klimafreundlicher Energie hinaus eine Reihe zusätzlicher Vorteile:
- Der Wind ist eine heimische Ressource und sorgt für regionale Wertschöpfung! Wenn der Ausbau der Windenergie in Süddeutschland nicht stattfindet, werden die Verbraucher/innen in Bayern für Stromimporte jedes Jahr mehr Geld gen Norden überweisen. Die für den Ausbau der Windkraft notwendigen Investitionen, Arbeitsplätze, Gewerbesteuern, Pachten fließen dann anstatt in den Süden vor allem in den Norden ab.
- Der Ausbau der "Erneuerbaren" wird durch die EEG-Umlage von allen Stromkunden in Deutschland bezahlt. Der Netzanschluss für Offshore-Windparks wird ebenfalls bundesweit auf alle Verbraucher/innen umgelegt. Selbst am windschwächsten Standort erhält eine Windenergieanlage an Land 2009 nur 9,2 ct/kWh. Für Offshore-Wind sind jedoch 15 ct/kWh erforderlich – zzgl. 2-3 ct/kwh, die in die Netznutzungsentgelte eingehen. Im Vergleich mit konventionellem Strom (ca. 7,5 ct/kWh für die Grundlast) muss Offshore-Windstrom also etwa mit dem sechsfachen Betrag gefördert werden.
- Guter Wind weht auch in Bayern – und zwar an vielen Standorten! Dies zeigen eindruckvoll die aktuellen Betriebsergebnisse der neuesten Anlagengeneration, welche in den letzten beiden Jahren hier in Betrieb genommen wurde. Statt also die Nutzung der Windkraft dem Norden und die Kosten dem Süden zu überlassen, sollten die südlichen Länder mehr Windkraft im eigenen Land möglich machen und mittels der hier vorhandenen Netze zur Verfügung stellen – aus regionalwirtschaftlichem Eigeninteresse und aus Gründen der Versorgungssicherheit.
Aus all dem ergibt sich für den BWE, dass die Windenergie in Bayern aus ihrem Schattendasein herausgeholt und zu einem maßgeblichen Bestandteil einer nachhaltigen Energiepolitik gemacht werden sollte. Auf dem Weg in eine "erneuerbare Energiezukunft" unseres Landes sehen wir deshalb folgende Schritte und Maßnahmen als vordringlich an:
- Selbst der Bund Naturschutz in Bayern fordert die Windkraftnutzung auf rd. 1000 Standorten. "Mit Umgriff wäre dafür 1 Promille der Fläche Bayerns nötig. Diese Flächen sind auch nach strengen Natur- und Landschaftsschutz-Kriterien leicht zu finden", weiß der Umweltverband. Diese Position wird durch zwei aktuelle Urteile des Verwaltungsgerichtshofes (VGH) München gestützt: Naturparks und Landschaftsschutzgebiete sind demnach nicht von vorneherein Ausschlusskriterien für den Ausbau der Windenergie. Deren Nutzung, so sagen die Richter, hat auch in Bayern ihren Platz und ihre Berechtigung - ohne dass die Landschaft verunstaltet wird.
- Der BWE geht aufgrund des großen Leistungspotenzials moderner Windkraftanlagen allein für die vom Bund Naturschutz genannten 1000 Standorte von einem kurzfristig zu realisierenden Potenzial von jährlich bis zu 5 Mrd. Kilowattstunden Windstrom aus. Dies entspricht einem Anteil von etwa 6 % am derzeitigen Stromverbrauch (etwa 75 Mrd. kWh) in Bayern. Bezogen auf die in Deutschland übliche Stromerzeugung würde dies rund 4 Mio. Tonnen CO2 einsparen! Mittelfristig ist aber auch bei uns ein Ausbau wie in anderen deutschen Binnenländern möglich.
Nach unserer Auffassung sprechen all diese Fakten dafür, den Ausbau der Windenergie in Bayern rasch zu forcieren und damit einer klimafreundlicheren und weniger importabhängigen Energieversorgung mehr Auftrieb zu verleihen. Es wäre jedenfalls unverantwortlich, dieses enorme Potenzial weiterhin ungenutzt an unserem Land vorbeistreichen zu lassen!
Günter Beermann
Landesvorsitzender des BWE-Bayern
Herausgeber:
Bundesverband Windenergie (BWE)