Führen Biokraftstoffe zu neuen Abhängigkeiten?
Während Deutschland bei den fossilen und atomaren Energieträgern von wenigen Förderländern abhängig ist, muss Bioenergie nur „vor der Haustür“ geerntet werden. Zusätzliche Potenziale können zum Vorteil der Landwirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern erschlossen werden.
Bioenergie ist die Energie der kurzen Wege.
Während fossiler Kraftstoff eine weltweite Produktionskette vom Ölfeld über Pipelines, Aufbereitung und Raffinerien, bis hin zum Transport mit Öltankern und in ein Tankstellennetz nötig ist, kann Bioenergie in Form von Reststoffen, Energiepflanzen oder Holz in unmittelbarer Nähe zu ihren jeweiligen Verbrauchern genutzt werden.
Nur rund ein Zehntel der in Deutschland energetisch genutzten Biomasse stammt derzeit aus dem Ausland. Importe von Biomasse verbieten sich teilweise bereits von selbst aufgrund der unverhältnismäßig hohen Transportkosten bzw. der mangelhaften Transport- und Handelsmöglichkeit bestimmter Formen von Biomasse.
Die Gefahr einer Abhängigkeit von Biomasse exportierenden Regionen ist unbegründet. Die Nutzungsmöglichkeiten und die Potenziale von Biomasse sind viel zu umfangreich, als dass es analog zu den globalen Erdgas- und Erdölmärkten zur Dominanz einiger weniger Anbieterländer kommen könnte.
Industrieländer könnten Teile ihrer Exportüberschüsse schrittweise in die Biokraftstoffproduktion umlenken: Zwischen 2003 bis 2005 exportierte Großbritannien mehr als 2,8 Mio. t Weizen. Damit könnten in Großbritannien 1,2 Mrd. l Bioethanol produziert werden, d.h. ca. 5 % des künftigen Benzinbedarfs.
Entwicklungs- und Schwellenländer können durch die Nutzung von Bioenergie doppelt gewinnen: Rund 2 Mrd. Menschen haben dort keinen Zugang zu modernen Energiedienstleistungen. Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern kann Bioenergie schnell und kostengünstig für die dezentrale Strom- und Wärmeversorgung auch in Regionen ohne Netzzugang mobilisiert werden. Durch den Aufbau einer heimischen Biokraftstoffproduktion können diese Länder ihre Abhängigkeit von Ölimporten weiter reduzieren.
Bioenergie führt aus der Erdölfalle und hält die Devisen im Land.
Die hohe Abhängigkeit vieler Schwellen- und Entwicklungsländer von Importen fossiler Brennstoffe hat mit dem Preisanstieg für Erdöl seit den 1970er Jahren maßgeblich in die Verschuldung geführt. Die Entwicklungsländer mussten ja weiterhin bei immer schwächerer Kaufkraft die steigenden Weltmarktpreise zahlen. Der Anteil der Ausgaben für den Import fossiler Energieträger stieg im Verhältnis zu den Exporteinnahmen damit in vielen Entwicklungsländern auf über 50 % bis 75 %, d.h. die geringen Einnahmen durch heimische Produkte auf dem Weltmarkt werden umgehend von der Ölrechnung wieder aufgefressen.
Anteil fossiler Brennstoffe an allen Importen
Indien: 38,2 %
Elfenbeinküste 34,8 %
Indonesien 22 %
Brasilien 19,2 %
Quelle: WTO World Trade Statistics 2007
Ein Anstieg des Rohölpreises um 10 US$ je Barrel und Jahr führt zu einem Rückgang des Bruttosozialprodukts um durchschnittlich…
- 3,0 % in den Entwicklungsländern Subsahara-Afrikas
- 1,6 % in den hochverschuldeten Entwicklungsländern
- 0,8 % in den Entwicklungsländern Südostasiens
- 0,4 % in den westlichen Industriestaaten (OECD)
Quelle: IEA World Energy Outlook 2
Nur 20 % der brasilianischen Bioethanolproduktion wird exportiert; der Großteil fließt in den inländischen Kraftstoffverbrauch und ersetzt dort fossiles Benzin. Während die Rechnung für importierte fossile Energieträger bisher einen Großteil der Exporterlöse vieler Entwicklungsländer direkt auffraß, bietet der zusätzliche Export von Biokraftstoffen nun auch weitere Einnahmemöglichkeiten.
Der weltweite Handel mit Biomasse wird zunehmen.
Sollen schnell und in industriellem Maßstab Biokraftstoffe auf den Kraftstoffmärkten der EU eingeführt werden, ist ein deutlicher Anstieg der Biomasse-Importe aus Schwellen- und Entwicklungsländern notwendig. Die EU-Kommission prognostiziert bis 2020 einen Anteil von mindestens 10 % bis 20 % importierter Biomasse, um einen Marktanteil der Biokraftstoffe von 10 % in der EU zu erreichen.
Die politischen Vorgaben zur Markteinführung von Biokraftstoffen üben dabei einen wichtigen Einfluss auf die Nutzungspfade und Ausbaustrategien für Biokraftstoffe aus. Werden Mineralölkonzerne über feste Beimischungsquoten dazu verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz von Biokraftstoffen allen fossilen Kraftstoffen beizumischen, wird aufgrund ihrer Kostenvorteile voraussichtlich verstärkt auf den Import von Biomasse aus Schwellen- und Entwicklungsländern zurückgegriffen werden.
Werden Reinbiokraftstoffe, d.h. Kraftstoffe auf ausschließlicher Biomasse-Basis ohne Beimischungszwang, genutzt, bleiben Vertriebswege und Wertschöpfung tendenziell stärker im landwirtschaftlichen Bereich verankert und greifen eher auf heimische Energiepflanzen zurück.
Handel mit Biomasse muss weltweit gesteuert und reguliert werden.
Steigen Entwicklungs- und Schwellenländer in den Export von Biomasse für Biokraftstoffe ein, dürfen nicht die Fehler wiederholt werden, die dort den exportorientierten Anbau von Agrarrohstoffen kennzeichneten. Werden kurzfristig im großen Stil Exportindustrien etabliert, kommt es im schlimmsten Fall zur Vertreibungen und Enteignungen von Landbevölkerung sowie einer nicht nachhaltigen großflächigen Ausdehnung der Anbaugebiete. Letztere kann entweder zu Lasten ökologisch wertvoller Gebiete gehen oder zu Engpässen in der dann vernachlässigten heimischen Nahrungsmittelproduktion führen.
Urwaldzerstörung durch Biodiesel? Palmöl in Indonesien
Fehlentwicklungen im Handel mit Biomasse sind bei der Palmölgewinnung in Indonesien zu beobachten, das zusammen mit Malaysia über rund 80 % der weltweiten Anbaufläche für Ölpalmen verfügt. Der rapide Ausbau der Palmölproduktion für Biodiesel zu Exportzwecken entwickelt sich dort zu einem der Antriebsfaktoren für die Zerstörung von Regenwald. Hauptabnehmer für Palmöl ist jedoch die weltweite Nahrungsmittelproduktion (Margarine) und die Kosmetikindustrie (Seifen, Lippenstift).
59 internationale Unternehmen der Agrar- und Mineralölindustrie haben Anfang 2007 Investitionen von 12,7 Mrd. US$ in die Palmölproduktion in Indonesien angekündigt, darunter chinesische und brasilianische Ölkonzerne.
Aufgrund der Beschaffenheit von Palmöl (Fettsäurestruktur, mangelhafte Viskosität) ist es in Mittel- und Nordeuropa nur bedingt zur Nutzung als Biodiesel oder in Blockheizkraftwerken geeignet. Palmöl entspricht nicht den Normen der deutschen Arbeitsgemeinschaft Qualitätsmanagement Biodiesel (AGQM). Diese hat seit 2004 auch keine Spuren von Palmöl in ihren unangekündigten Proben bei deutschen Biodieselproduzenten gefunden.
Anbau von Ölpalmen in Indonesien
Anbaufläche für Ölpalmen, Indonesien 2007 | 5,6 Mio. ha |
Ausbaupläne der indonesischen Regierung | 3 Mio. – 6,5 Mio. ha |
Maximale Anbaufläche für Ölpalmen (Schätzung von NGOs) | 18 Mio. ha |
Hauptabnehmer von Palmöl 2006
China | 5,2 Mio. t |
Europäische Union - davon für energetische Nutzung in Blockheizkraftwerken - davon für energetische Nutzung als Biodiesel | 4,9 Mio. t
1 Mio. t 0,27 Mio. t |
Indien | 3,4 Mio. t |
Deutschland | 0,9 Mio. t |
Quelle: Schott/Kurniasih/Jensen, Neue Energie 2006
Soll der Handel mit Biomasse – insbesondere hinsichtlich der Produktion von Biokraftstoffen – nicht zu einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen auf den Agrarmärkten führen und die Landwirtschaft der Schwellen- und Entwicklungsländer stärken, muss der Handel durch folgende Maßnahmen international gesteuert werden:
- Vorrang für den Anbau von energetisch zu nutzender Biomasse auf Brachflächen
- Diversifizierung von Anbaukonzepten und Energiepflanzen in den Exportländern
- Definition und Durchsetzung international verbindlicher Nachhaltigkeitskriterien mit einem Zertifizierungssystem, z.B. zum Ausschluss von Pflanzenöl, das aus gerodeten Urwaldflächen stammt
Eine internationale Regulierung ist unverzichtbarer Teil einer nachhaltigen Biokraftstoffstrategie. Im- und Exporte im Bioenergiebereich mit klaren Nachhaltigkeitskriterien können dann einen Antrieb für fairen, nach ökologischen Kriterien gestalteten Welthandel bieten. Deutsche Importeure sind bereits jetzt Pioniere bei der Zertifizierung importierter Agrarrohstoffe für die energetische Nutzung.
Nachhaltigkeitsverordnung und Zertifizierung für Biomasse
Die Bundesregierung hat mit der Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung vom Dezember 2007 Bedingungen für die zukünftige Nutzung von Biomasse für Biokraftstoffe vorgelegt. Importe von Biomasse für Biokraftstoffe können nur dann auf den deutschen Kraftstoffmarkt gelassen und zur Erfüllung der Quoten angerechnet werden, wenn die CO2-Emissionen mindestens um 30 % bzw. (ab 2011) um 40 % unter den Emissionen von konventionellen Kraftstoffen liegen. Biokraftstoffe, deren Biomasse durch Zerstörung von Regenwäldern oder Mooren gewonnen wurde, würden aufgrund ihrer deutlich schlechteren Klimabilanz nicht mehr für Importe nach Deutschland in Frage kommen.
Bilaterale Verträge mit Anbauländern sowie unabhängige lokale Kontrollsysteme sollen garantieren, dass dann keine ökologisch besonders wertvollen Flächen mehr für den Anbau von Biomasse in Beschlag genommen werden. Um Importe aus nachhaltigem Biomasse-Anbau möglich zu machen, wird seit Februar 2007 ein Zertifizierungssystem entwickelt.
Wenig Sinn machen noch so strenge Anbaustandards allerdings, wenn diese sich allein auf die Nutzung der Biomasse für Biokraftstoffe beschränkt. Nur 5 % der Weltgetreideernte floss 2007 in die Biokraftstoffproduktion. Nur 5 % der globalen Palmölproduktion floss 2007 in die energetische Nutzung (Strom-, Wärme- und Biokraftstoffe). Nachhaltigkeitskriterien müssen für alle Nutzungspfade der Biomasse gelten - sonst geht der nicht nachhaltige Anbau für Nahrungs- und Futtermittel auf anderen Flächen einfach weiter.
Wünschenswert und sinnvoll wäre allerdings auch die gleichzeitige Zertifizierung der deutlich umfangreicheren Importe für die nicht-energetische Nutzung. Die in der EU bereits geltenden umfangreichen Anforderungen und Anbauvorgaben („Cross Compliance“) müssten auch in international abgestimmte Zertifizierungssysteme integriert werden.
Nötig wären zudem Änderungen im Regime der Welthandelsorganisation WTO hinsichtlich der Unterscheidung von Produktionsverfahren und Gütern.
Die Jatropha-Pflanze: Diversifizierung und Brachflächennutzung für Bioenergie
Die Jatropha-Pflanze ist ein Wollmilchgewächs, das auch auf trockenen, schlechten Böden einen hohen Ölertrag liefert. Sie eignet sich ideal für den Anbau auf bisher ungenutztem Ödland. Ihr Öl kann ohne chemische Aufbereitung als Dieselkraftstoff eingesetzt werden, z.B. zur Elektrifizierung in ländlichen Regionen. Da die Jatropha-Pflanze ungenießbar ist, besteht keine Nutzungskonkurrenz zum Lebensmittelsektor. Vielmehr ist auch ihr Anbau in Mischkultur möglich und schützt gegen Bodenerosion. Allerdings gibt es bisher nur geringe Erfahrungen mit dem kommerziellen Anbau von Jatropha als Feldfrucht. In Indien, China und afrikanischen Staaten sind mehrere größere Projekte zur energetischen Nutzung der Jatropha-Pflanze angelaufen, die u.a. 400.000 ha Anbaufläche in Indien vorsehen.
Gehen Deutschland und die EU als Vorreiter bei der Nutzung von Bioenergie nicht in der Etablierung von internationalen Standards für den Anbau von bzw. Handel mit Biomasse voran – oder verzichten gar vollständig auf Importe – besteht die Gefahr, dass andere potenzielle Importeure wie z.B. China mit deutlich niedrigeren ökologischen Standards den nicht nachhaltigen Anbau vorantreiben werden.
Setzen Landwirte sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern auf den Anbau von Biomasse für die energetische Nutzung, wird auf beiden Seiten die Energieversorgungssicherheit gestärkt. Gleichzeitig vermeidet eine Umorientierung der landwirtschaftlichen Produktion auf den Bioenergiesektor die bisher durch Dumping-Exporte von Agrarprodukten verursachten Schäden für die Landwirtschaft in den Schwellen- und Entwicklungsländern.
Schweiz: Bio-fairer Treibstoff an der Tankstelle
Die schweizerische Entwicklungshilfe- und Fairhandels-Organisation Gebana will zusammen mit der Supermarktkette Migros den weltweit ersten biologisch angebauten und fair gehandelten Biokraftstoff vermarkten. Das Sojaöl wird von rund 350 Kleinbauernfamilien im Südwesten Brasiliens produziert. Es fällt als Nebenprodukt bei der Verarbeitung von Soja zweiter Qualität an. Innerhalb von drei Jahren will Gebana die Menge auf 10 Mio. l steigern. Kunden bestellen auf der Internetseite von Gebana mindestens 100 l Benzin oder Diesel zum Mehrpreis von 60 Rappen pro Liter (rund 36 ct). Migrol ersetzt dann die entsprechende Menge von fossilem Treibstoff durch "Bio&Fair"-Treibstoff, während der Kunde weiterhin an jeder beliebigen Tankstelle tankt. Die Kleinbauern verzichten auf Pestizide, synthetische Dünger und Gentechnik und erhalten laut Gebana durchschnittlich 7 US$ pro Sack Soja mehr - rund 50 % mehr als der konventionelle Sojapreis. Gebana kommt ohne Zwischenhändler aus und garantiert eine Reduktion von Treibhausgasen um 70 % im Vergleich zu konventionellen fossilen Treibstoffen. Erster Großkunde sei der schweizerische Rückversicherer Swiss Re.
Quellen
Berendes, Göran: The contribution of biomass in the future global energy supply: a review of 17 studies. In: Biomass and Bioenergy, 25/2003, S 1-28.
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Globale Ernährungssicherung durch nachhaltige Entwicklung und Agrarwirtschaft. Positionspapier. Berlin, Mai 2008.
Jensen, Dierk: Power mit Palmöl? In: Neue Energie, 4/2007, S. 53-55.
Knauf, Gerald u.a.: The Challenge of Sustainable Bioenergy: Balancing climate protection, biodiversity and development policy. CURES Discussion Paper. Bonn 2007.
Sachverständigenrat für Umweltfragen: Klimaschutz durch Biomasse. Sondergutachten. Berlin 2007.
Schott, Christina/Kurniasih, Fitriani Dwi: Palmen-Geister. In: Neue Energie, 4/2007, S. 87-91.
Toepfer International (Hg.): Marktbericht, Oktober 2007.
Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie: Nachhaltige Mobilität sichern. Jahresbericht 2006/2007. Berlin 2007.
