Atommüll aus der Kaiserzeit?

kurzschlussteaser_250Man stelle sich vor, zu Zeiten Wilhelms I. um 1860 hätte es schon Atomkraftwerke gegeben, die kurz nach dem Wiener Kongress 1815 errichtet worden wären. Diese wurden unter Bismarck Anfang der 1870er nach und nach stillgelegt. Kaiser Wilhelm II. nahm in den 1890ern das erste Endlager in Betrieb. Die Einlagerung des Atommülls in die unterirdischen Lagerstätten nahm aber mehrere Jahrzehnte in Anspruch. Deshalb wurde das hochgradig radioaktive Material noch bis in die 1970er einfach auf den Kraftwerksgeländen aufbewahrt, als sogenannte „Zwischenlager“. Erst unter Willy Brandt wurden die letzten Fässer unter die Erde geschafft. Damit war aber immer noch nicht Schluss. Die Bergwerke mussten schließlich noch verschlossen werden. Das dauerte ebenfalls ein paar Jahrzehnte. Kanzlerin Merkel versiegelte schließlich im Jahr 2015 feierlich das letzte Endlager. Ein Witz? Nein:

Um diese zeitlichen Dimensionen dreht es sich tatsächlich bei der aktuellen Suche nach einer sicheren Deponie für unseren Atommüll. So stellte die Endlagersuchkommission der Bundesregierung jüngst fest, dass die Endlagerung erst zwischen 2095 und 2170 endgültig abgeschlossen sein wird – „oder später“. Frühestens 2045 könnte das erste Endlager in Betrieb genommen werden. Die Einlagerung des Atommülls in die Bergwerke könnte bis 2130 dauern. Bis dahin stehen die Fässer also über 100 Jahre einfach oberirdisch in Lagerhallen herum. Kommissionsmitglied Michael Sailer warnt vor dieser langfristigen Zwischenlagerung an der Oberfläche. Nicht nur, dass die Brennelemente durch Alterungsprozesse instabil würden, sondern die Lagerstätten seien auch anfällige Ziele im Krieg oder für Terroristen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass niemand wissen kann, ob Deutschland in den nächsten 155 Jahren noch so friedlich sein wird wie heute. Schon Wilhelm I. hätte das hochsensible radioaktive Material in den drei deutschen Einigungskriegen gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 sicher verwahren müssen. Spätestens in den Weltkriegen I und II wäre mehr als fraglich gewesen, ob die oberirdischen Zwischenlager Angriffe heil überstanden hätten.

Aber selbst die Suche nach Zwischenlagern ist politisch nicht so einfach. So stellt die Kommission ebenso fest, dass für radioaktiven Müll aus der Wiederaufbereitung die nötigen Zwischenlager fehlten. Kein Bundesland will sie bei sich haben. Umweltministerin Hendricks stellte erstaunt fest, dass ausgerechnet das Atomstromland Bayern selber keine Fässer dahoam haben will. Dieser Blick auf die Kleinstaaterei der Gegenwart zeigt, wie schwierig es der Preußenkönig Wilhelm im 19. Jahrhundert wahrscheinlich gehabt hätte, überhaupt ein Endlager zu finden. Hätte er sich mit Bayern, Sachsen, Württemberg, Hessen und den vielen anderen eigenständigen Fürsten- und Herzogtümern, Königreichen und freien Städten auf ein Endlager einigen können, oder würden wir noch heute danach suchen?

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.