Der Soundtrack der Verkehrswende

kurzschluss_banner Die Klimabilanz des Verkehrssektors ist verheerend, seit 2005 gibt es mehr Rückschritte als Fortschritte. Nun stiegen 2014 die Emissionen sogar um 1,2 Prozent auf gut 161 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) an. Der Trend ergibt sich aus der Liebe zu schweren, PS-starken Autos, wodurch Effizienzgewinne sparsamerer Motoren wieder aufgefressen werden. Heute werden etwa ebenso viele SUVs wie Kleinwagen verkauft, und die durchschnittliche Motorleistung der Neuwagen ist alleine zwischen 2007 und 2014 von 95 auf 140 PS gestiegen. Das wachsende ökologische Bewusstsein, das uns sogar schon vegetarische Restaurants an der Mecklenburgischen Ostseeküste und Bioeier beim Discounter beschert hat, scheint keinen Einfluss auf des Deutschen liebstes Kind zu haben. Statistisch gesehen besitzt jeder zweite einen Pkw, jeder Zehnte gibt seinem Wagen einen Namen. Wie groß die Liebe zum Auto ist, zeigt auch die enorme Zahl der Musiklieder, die sich dem Autofahren und dem mobilen Untersatz widmen. Endlos lang sind die digitalen Listen mit über 500 Liedern, darunter „Autobahn“ von Kraftwerk (1974), „The Passenger“ von Iggy Pop (1977), aber auch neuere Stück wie Lana Del Reys „Ride“ (2012). Dieser Soundtrack im kulturellen Gedächtnis bietet kaum gute Rahmenbedingungen für die Verkehrswende.

Das Bundesumweltministerium hat nun den Bundeswettbewerb „Klimaschutz im Radverkehr“ ausgeschrieben. All jenen, die sich beim Titel wundern, sei gesagt: Auch die Mitarbeiter im Ministerium wissen, dass das Fahrrad – im Gegensatz zum Auto – kein Klimakiller ist und wollen Klimaschutz durch Radverkehr. Sie sind auf der Suche nach Ideen, wie Kommunen und Unternehmen in den Radverkehr investieren können. Ein Problem kann aber auch hier wieder im Liedgut liegen: Seit 1995 singt die deutsche Band Tocotronic: „Ich weiß nicht, warum ich Euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“. Den Durchbruch zur Verkehrswende wird wahrscheinlich nur eine Imagekampagne für die positive Hervorhebung von Fahrrädern in Songtexten bringen. Um die Verkehrswende einzuleiten, braucht es noch mehr Coverversionen und Nachahmungen des Queen-Hits „Bicycle Race“ (1978). Gut wäre eine weitere Hymne. Wenn sich jetzt zügig ein Expertenteam findet, schaffen wir es noch rechtzeitig bis zum diesjährigen Euro Vision Song Contest. Liebe Produzenten der Musikindustrie, Liedermacher, Künstler: Bitte haben Sie ein Herz für den Klimaschutz und schreiben Sie jetzt den nächsten Hit für‘s Fahrrad, der es mit „Drive my car“ von The Beatles (1965) aufnehmen kann.

Der monatliche Kurzschluss erscheint im Renews, dem monatlichen Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien. Er behandelt stets ein Thema der aktuellen energiepolitischen Debatte - mit Augenzwinkern.