Fasten für die Energiewende

Deutschland steckt mitten in der Fastenzeit: Die Karnevalisten haben Kostüme und Kappen wieder für ein Jahr eingemottet, die Olympioniken in Fernost die Koffer gepackt. Das politische Berlin darbt ob des ausstehenden Votums der Sozialdemokratie und auch die Richter lassen es langsam angehen – und verschieben Sprüche wie zum Diesel-Fahrverbot kurzerhand. Solche Gelassenheit tut Deutschland gut. Einfach mal einen Gang zurückschalten, die Hände vom Steuer nehmen, die Beine hochlegen. Fasten ist nicht nur Balsam für den Körper, es hilft auch der Energiewende.

Beispiel Verkehr: Viele Unfälle auf der Straße hat König Alkohol auf dem Gewissen. Hielten sich die EU-Bürger endlich an die offiziellen Limits für den Genuss von Bier und Wein, sie führten ein gesünderes und längeres Leben. Laut einschlägiger UN-Statistik nehmen alle EU-Bürger ab 15 aufwärts – die WHO beginnt ihre Zählung wohl bei den KonfirmandInnen – im Schnitt 12,5 Liter oder 9,8 Kilogramm (kg) reinen Alkohol pro Jahr zu sich. Würden sie den Gesundheitsleitlinien folgen, dürften es nur 4,7 kg sein. Weitergesponnen auf Basis des Korns heißt das: Umgerechnet in Weizenfläche bedeckt der über das empfohlene Limit hinaus genossene Alkohol in der Europäischen Union eine Fläche von mehr als 1 Million Hektar (Mio. ha). Das entspricht rund einem Drittel der Weizenfläche Deutschlands oder einer Anzahl von 1 Million Fußballfeldern. Dieser Flächenfraß dürfte Wasser auf die Mühlen der Anhänger von den Thesen der indirekten Landnutzungsänderung (iluc) sein. Wir erinnern uns: Diese belegen mit dem Argument des deutschen Biokraftstoffverbrauchs die Ernte hiesiger Ackerbauern mit sogenannten iluc-Faktoren. Sie werden sich fragen: Sollten wir Bier- und Schnaps künftig mit einem iluc-Faktor belegen und wenn ja mit wie viel Prozent?

Alternativ gehört der gesundheitsschädliche Alkohol-Überschuss in den EU-Lebern energetisch verwendet: Mehr als 2,2 Mio t Bioethanol ließen sich so von den durch maßvollen Alkoholkonsum frei werdenden Äckern später aus den Biosprit-Destillen holen. Die Deutschen beginnen das offenbar zu begreifen. Laut einer DAK-Umfrage wollen in der Fastenzeit mehr als 60 Prozent beim Alkohol „fasten“. Aufs Auto wollen hingegen nur 15 Prozent verzichten. Der Durst der EU-Bürger auf Benzin darf für die Biospritanbieter aber nicht Entschuldigung dafür sein, ihren Bio-Sprit vermehrt aus Importen herzustellen, frei nach dem Motto: Wenn Ihr mir meinen Sprit wegsauft, muss ich ihn mir halt aus Übersee holen. Denn Beine hochlegen und Still-Stand hilft der Energiewende mindestens so viel wie nachhaltig erzeugter Biosprit. Soll heißen: Nicht nur im Karneval, sondern auch in der Fastenzeit gehören Diesel- und Otto-Pkw immer öfter in die Garage. Denn für die Energiewende auf der Straße ist das Glas halb voll, nicht halb leer.

- Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht. -