"Es braucht oft kleinteiligere, lokale Lösungen"

Foto: Stadtwerke Wolfenbüttel GmbHDaniela Langner begleitet bei den Stadtwerken Wolfenbüttel im Bereich Unternehmensentwicklung Projekte rund um Energiewende, Infrastruktur und Klimaneutralität. Gemeinsam mit Stadt, Stadtbetrieben, Stadtwerken und den Abwasserbetrieben arbeitet sie daran, Erneuerbare Energien stärker in die kommunale Versorgung zu integrieren. Ein aktuelles Beispiel: die Kombination aus Photovoltaikanlage und Batteriespeicher an der Kläranlage Wolfenbüttel.

Im Interview spricht sie über Eigenversorgung, kommunale Zusammenarbeit und darüber, warum kleine Kommunen bei der Energiewende oft schneller handeln können.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen PV-Anlagen, Batteriespeicher und Kläranlage?

Im Sommer gehen wir von optimalen Bedingungen aus – also voller Sonneneinstrahlung. Dann kann der erzeugte Solarstrom komplett vor Ort genutzt werden. Ein großer Teil wird direkt verbraucht: Der Strom fließt von der PV-Anlage über den Trafo direkt in die Kläranlage. Überschüsse werden kurzfristig im Batteriespeicher zwischengespeichert. Wenn darüber hinaus noch Strom übrig bleibt, wird er ins öffentliche Netz eingespeist. Im Winter sieht das natürlich anders aus. Dann rechnen wir – auch mit Batteriespeicher – mit einer Eigenstromversorgung von etwa zwei Dritteln. Ein Drittel muss weiterhin zugekauft werden.

Wie sich das in der Praxis entwickelt, werden die kommenden Monate zeigen. Der Speicher hilft aber schon jetzt dabei, die zeitliche Differenz zwischen Stromerzeugung und Verbrauch auszugleichen – gerade dann, wenn weniger Sonne verfügbar ist.

Man muss außerdem sagen: Das Gesamtsystem besteht nicht nur aus der Freiflächen-PV-Anlage. Ergänzt wird es durch eine große Dach-PV-Anlage und ein Blockheizkraftwerk. Erst dieses Zusammenspiel sorgt letztlich für Versorgungssicherheit und hilft dabei, Lastspitzen abzufedern.

Warum wurde der Speicher direkt an der Kläranlage installiert?

Das war tatsächlich auch ein glücklicher Zufall. Wir konnten bei uns in der Kommune einen Standort identifizieren, an dem der Eigenverbrauch direkt vor Ort durch den Batteriespeicher unterstützt werden kann. Ein Standort in der Innenstadt hätte dafür keinen Sinn ergeben. Entscheidend war, dass wir Erzeugung, Speicherung und Verbrauch räumlich direkt miteinander verknüpfen können.

Was bedeutet das konkret in Zahlen?

Die Solaranlage soll jährlich rund 850.000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Davon nutzt die Kläranlage etwa 550.000 Kilowattstunden selbst, maximal 300.000 Kilowattstunden können ins öffentliche Netz eingespeist werden. Die jährliche CO₂-Einsparung liegt bei etwa 500 Tonnen.

Insgesamt hat die Kläranlage einen Strombedarf von rund 1,4 Millionen Kilowattstunden pro Jahr und ist damit der größte Stromverbraucher der Kommune. Der größte Einzelverbraucher innerhalb der Anlage ist das Gebläse für die Sauerstoffbelüftung im Belebungsbecken – dort übernehmen Mikroorganismen einen wichtigen Teil des Klärprozesses.

Wie bewährt sich der Batteriespeicher bisher im laufenden Betrieb?

Die PV-Anlage und der Batteriespeicher sind erst seit wenigen Wochen in Betrieb. Deshalb lassen sich aktuell noch keine belastbaren Aussagen zur Leistungsfähigkeit oder Wirtschaftlichkeit treffen. Im Moment befinden wir uns noch stark in der Monitoring- und Inbetriebnahmephase. Wir sammeln Daten, beobachten das Zusammenspiel der einzelnen Parameter und lernen täglich dazu. Erst über einen längeren Zeitraum wird sich zeigen, wie effizient der Speicher tatsächlich arbeitet – etwa bei der Reduzierung von Lastspitzen oder beim Eigenverbrauch. Dabei spielen natürlich auch Wetterlagen und saisonale Effekte eine große Rolle.

Wie bringt man in einer Kommune die wichtigen Akteure an einen Tisch?

Wir haben sehr enge Abstimmungswege. Und ich glaube persönlich sogar, dass das in kleineren Kommunen oft besser funktioniert als in großen Städten.

Hier arbeiten Stadt, Stadtwerke und Abwasserbeseitigungsbetriebe ohnehin eng zusammen. Mit den Mitarbeitenden des Abwasserbetriebs sitzen wir praktisch Tür an Tür. Das ist wahrscheinlich auch ein Teil der Erfolgsgeschichte hinter dem Projekt. Wobei man sagen muss: Schnell ging es trotzdem nicht. Solche Vorhaben brauchen Zeit und einen langen Atem. Wir hatten zum Beispiel Eingriffe in die Natur, die erst gutachterlich bewertet werden mussten. Allein solche Verfahren dauern schnell ein Jahr.

Wie wurde das Projekt finanziert?

Die Finanzierung erfolgt im klassischen gebührenfinanzierten System der Abwasserwirtschaft. Kläranlagen arbeiten nicht gewinnorientiert, sondern werden über Gebühren finanziert, die die tatsächlichen Kosten der Abwasserentsorgung decken müssen. Dazu gehören auch Investitionen in Infrastruktur – etwa Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher oder neue Mittelspannungsanlagen. Die Investitionen werden langfristig refinanziert, beispielsweise über Abschreibungen und die Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals. Gleichzeitig stabilisieren wir perspektivisch unsere Betriebskosten, weil wir weniger Strom zukaufen müssen. Ziel ist es, die Abwasserbeseitigung langfristig wirtschaftlich, energieeffizient und unabhängiger von Energiepreisschwankungen aufzustellen – im Interesse von Bürgerinnen, Bürgern und Betrieben.

Welche nächsten Schritte planen Sie auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Wir arbeiten als Stadt, Stadtwerke und Stadtbetriebe sehr eng zusammen. Deshalb laufen aktuell bereits weitere Projekte oder befinden sich in Planung.

Unser Ziel ist klar: der Ausbau Erneuerbarer Energien – aber auch eine stärkere Diversifizierung. Also nicht nur Solarenergie oder nur Windkraft, sondern ein breiterer Mix mit starkem regionalem Bezug. Wir haben beispielsweise einen Solarpark in der Region mit 15,8 Megawatt Peak gekauft. Dort ist ebenfalls ein Batteriespeicher geplant. Die Anlage soll jährlich rund 17 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Zusätzlich haben wir im Konzernverbund zwei Windkraftanlagen erworben. Parallel prüfen wir weitere Einsparpotenziale – etwa durch E-Fuhrparks oder digitale Heizungssteuerung.

Das Projekt an der Kläranlage ist dabei ein zentraler Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität. Gerade in der Wasser- und Abwasserwirtschaft liegt ein großer Hebel, um Energieverbrauch aktiv zu steuern.

Haben Sie einen Rat für andere Kommunen?

Ja: Man hat in Kommunen oft viel mehr Hebel, als man zunächst denkt. Der Weg zur Klimaneutralität besteht aus vielen kleinen und mittelgroßen Projekten, die zunächst parallel laufen – und sich mit der Zeit immer stärker verzahnen.

Wichtig ist auch die Signalwirkung. Die Bürgerinnen und Bürger sehen, dass die Energiewende konkret umgesetzt wird – technisch machbar und wirtschaftlich tragfähig. Und genau das versuchen wir transparent zu kommunizieren.

Welche Rahmenbedingungen braucht es für solche Projekte?

Entscheidend sind stabile regulatorische Rahmenbedingungen und Planungssicherheit – und zwar über mehrere Legislaturperioden hinweg. Wenn sich Rahmenbedingungen ständig ändern, erschwert das Investitionen erheblich. 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Eigenverbrauchsregelung. Projekte mit PV-Anlagen und Speichern funktionieren wirtschaftlich besonders gut dort, wo der Strom direkt vor Ort genutzt wird. Lange Transportwege machen vieles unwirtschaftlich. 

Deshalb braucht es oft kleinteiligere, lokale Lösungen – also Energieerzeugung dort, wo der Strom auch gebraucht wird.

Und natürlich braucht es Fachleute: gute Planer, technisches Know-how und Menschen, die solche Projekte professionell umsetzen können.

Sie selbst kommen ursprünglich aus der Automobillogistik. Wie sind Sie zur Energiewende gekommen?

Ich war 15 Jahre weltweit in der Automobillogistik tätig – im Management und im Vorstandsumfeld – und habe viele große Projekte umgesetzt. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Ich habe in dieser Branche alles gesehen. Deshalb wollte ich noch einmal bewusst etwas Neues lernen und mich aktiv für die Energiewende einsetzen. So bin ich zu den Stadtwerken gekommen – zunächst als Assistenz der Geschäftsführung. Schon in den Bewerbungsgesprächen war klar, dass viele große Projekte anstehen würden. Relativ schnell wurde deutlich, dass das Themenfeld so groß ist, dass daraus eine eigene Abteilung entstehen musste. Heute heißt sie bei uns Unternehmensentwicklung. Wir arbeiten dort als kleines Projektteam modern und sehr agil direkt an den strategischen Zukunftsthemen des Unternehmens und der Region.