"Wir haben alles getan, um zu überleben"
Im August besuchte uns eine Gruppe Oberschüler*innen aus Fukushima über das Schülerprojekt EarthWalkers. Wir sprachen mit Izumi Sasaki über ihre Erlebnisse in Fukushima und ihre Sichtweise heute. Sie war eine der ersten Schüler*innen, die über das Projekt nach Deutschland kamen, und ist studierte Germanistin.
Frau Sasaki, die Nuklear- und Tsunamikatastrophe von Fukushima ist nun 15 Jahre her, wo waren Sie damals? Können Sie uns mit Ihren Worten dahin mitnehmen, in diesen Moment?
Seitdem sind 15 Jahre vergangen, und ich erinnere mich nicht mehr an so vieles, da der Schock durch das Erdbeben zu stark war. Aber ich versuche zu erzählen, was ich noch kann. Damals wohnte ich in Koriyama, einer Stadt in der Mitte der Präfektur Fukushima. Glücklicherweise gab es dort keine Opfer durch den Tsunami, da die Stadt im Inland liegt. Als das Erdbeben ausbrach, hörte ich eine laute Sirene und gleich darauf gab es heftige Erschütterungen.
Die Erschütterungen waren so stark, dass ich nicht stehen bleiben konnte, und ich habe versucht, aus allen Kräften aus dem Haus wegzulaufen. Der große Schuhschrank am Hauseingang war umgefallen und die Haustür konnte nicht mehr geöffnet werden. Ich musste deshalb über ein großes Fenster fliehen. Das Erdbeben dauerte sehr lange. Ich sah direkt vor meinen Augen, wie sich die Straße zerspaltete, und wie stark die Leitungsmasten schwangen, als ob sie brechen würden. Obwohl es am Anfang nicht schneite, gab es später einen starken Schneesturm, nachdem das Erdbeben sich abgemildert hatte. Ich war ziemlich verunsichert, was nach dieser Naturkatastrophe noch passieren könnte. Ich konnte per Handy meine Eltern nicht erreichen, die zur Arbeit gegangen waren. Ich hatte keine Ahnung, was passiert und habe einfach nur mich beschützt. Lange Zeit gab es kein Wasser und keinen Strom. Wir sind zum nächsten Supermarkt gegangen, um Wasser abzuholen, und meine Eltern standen lange in der Schlange vor einer Tankstelle, um zu tanken. Wir haben alles getan, um zu überleben. In der Zeit gab es auch immer wieder starke Nachbeben, und wir haben täglich immer große Angst gehabt.
Was war unter all den schrecklichen Ausmaßen das für Sie am prägendste?
Die Katastrophe im Atomkraftwerk. Damals war ich 15 Jahre alt und begann gerade an einer Oberschule zu lernen. Dort wurde mir verboten, draußen Sport zu treiben. Auch die Aktivitäten mit der AG nach dem Unterricht waren beschränkt und es gab keine Möglichkeit, frei zu lernen. In der Schule waren jeden Tag Erwachsene in Schutzkleidung tätig, die den Sand auf dem Schulhof und die Pflanzen dekontaminierten. Es war ein unglaublicher Anblick.
Außerdem musste ich regelmäßig gesundheitlich untersucht werden, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Außerhalb der Präfektur Fukushima wurde ich oft als „Bakterienträgerin“ behandelt, da ich aus Fukushima kam. Das Auto meiner Eltern mit dem Fukushima-Kennzeichen wurde auch mal beschädigt, und man fragte mich: „Wieso bist du hierhergekommen?“ Deshalb wollte ich nicht mehr offen sagen, dass ich aus Fukushima stamme. Ich konnte nicht verstehen, wieso andere Japaner so etwas Schreckliches tun können. Die Rufschädigung ist weniger geworden, aber mein innerlicher Schmerz bleibt.
Seit 13 Jahren gibt es einen Japanisch-Deutschen Schüleraustausch, organisiert von der NPO-Gesellschaft Earth Walkers. Sie waren bei der ersten Durchführung dabei. Warum?
Zuerst habe ich nur aus Interesse an Auslandsreisen daran teilgenommen. Bevor ich am Projekt teilnahm, dachte ich, dass es wichtig ist, zu erfahren, was wirklich mit dem Erdbeben passiert war, um von meinen Erfahrungen in (der Präfektur) Fukushima zu erzählen. Aber ich hatte große Angst, was für Reaktionen ich auf meine Erzählungen bekommen würde. Bis zu meiner Reise war ich sehr unsicher. In der Tat hat mir die Teilnahme sehr gutgetan. Die Erfahrungen durch das Projekt haben mein Leben verändert.
Wie fühlen Sie sich bei den Reaktionen auf Ihre Heimat Fukushima?
Jetzt erlebe ich weniger Menschen als früher, die eine Abneigung gegenüber Fukushima haben. Aber immer noch gibt es nicht nur in Japan, sondern auch weltweit viele Menschen, die bei dem Wort „Fukushima“ denken, dass dort immer noch die Gefahr besteht und es durch den Tsunami total zerstört ist. Wenn ich sage, dass ich aus Fukushima komme, dann denken viele bei Fukushima nur an den Ort, der ein schweres Erdbeben erlebt hat und sehr schwer betroffen war. Ich habe dann immer das Gefühl, dass sie denken, dass das nur den anderen passiert, und frage mich, wieso sie nicht daran denken, dass dasselbe auch bei ihnen passieren könnte.
Fukushima ist jetzt voll mit dem Aufbau beschäftigt. Die Städte arbeiten zusammen und wollen Fukushima noch besser weiterentwickeln als früher. Ich hoffe, dass man bald nicht mehr einfach nur daran denkt, wie schlimm es dort war und wie betroffen es war, sondern, dass man durch den Wiederaufbau ein erstarktes Fukushima sieht.
Wie denken Sie heute über die Ereignisse?
Manchmal habe ich mich gefragt, wieso so etwas in Fukushima passiert ist. Jetzt bin ich sogar froh, dass ich die Katastrophe miterlebt habe. Ich kann jetzt so viele Leute kennenlernen, dadurch dass Fukushima meine Heimat ist. Es gibt viele Menschen, die Interesse an Fukushima haben und uns helfen wollen. Die Erfahrungen aus jener Zeit kann man als Lehre nutzen, für den Fall, dass es in Japan wieder ein großes Erdbeben geben sollte. Und ich glaube, dass ich die menschliche Wärme besser und herzlicher spüren kann, gerade weil ich in Fukushima aufgewachsen bin, der Präfektur, die diese schreckliche Katastrophe erlebt hat und der viel geholfen wurde. Als Einwohnerin Fukushimas möchte ich meine Heimat auch in Zukunft weiter lieben.
Teil des Schüleraustauschs heute und in der Vergangenheit ist auch das „Erleben von Erneuerbaren“. Wie war das für Sie?
Es war eine sehr gute Erfahrung, über erneuerbare Energien in Deutschland zu lernen, da ich in Japan nichts davon wusste und mein Interesse daran größer geworden ist. In Deutschland, das großen Wert auf die Umwelt legt, konnte ich vor Ort lernen, wie man die Natur schützt. Dadurch kann ich jetzt die japanische Energiepolitik objektiver beurteilen und besser verstehen, was Japan fehlt und was Japan noch zu tun hat.
Wie sehen Sie die aktuellen Diskussionen um Atomkraftwerke?
Ich bin der Meinung, dass für Japan jetzt noch die Atomkraftwerke notwendig sind, da wir die meisten Energiequellen aus dem Ausland importieren müssen. Aber wir müssen in Zukunft nach und nach aus der Kernenergie auszusteigen. Ich denke, dass die Einwohner:innen in der Nähe der wieder in Betrieb genommenen Atomkraftwerke verunsichert sind. Japan ist ein Land, in dem immer wieder ein Erdbeben ausbricht. Deshalb weiß niemand, wann es wieder zu einer Nuklearkatastrophe wie in Fukushima kommt. An vielen Orten in Japan ist die Landschaft durch die errichteten Solarparks zerstört, und damit verliert man das schöne Gebirge und die Natur. Man braucht deshalb noch Zeit, aber ich denke, dass es der beste Weg ist, aus der Kernenergie auszusteigen, um Japan für die Zukunft sicherer zu machen.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, allen Menschen dieser Welt eine Nachricht zu übermitteln, welche wäre das?
Viele Menschen glauben, dass Fukushima noch kein bewohnbares Land ist, aber das ist nicht wahr. Jetzt ist es dort sicher. Um das Unfall-Atomkraftwerk herum kann man zwar immer noch nicht wieder wohnen. Aber sonst ist es dort voller Natur und wirklich wunderschön. Der Reis und das Obst aus Fukushima sind sehr lecker, und das Meer, das Gebirge, die Flüsse, die Städte und die Menschen sind alle wunderbar, worauf ich wirklich sehr stolz bin. Ich hoffe, dass man in Fukushima, das nach dem großen Erdbeben wieder aufgebaut worden ist, die Herzlichkeit der Menschen erlebt, die Natur genießt und leckeres Essen probiert. Wer sich dafür interessiert, sollte Fukushima besuchen und ist herzlich willkommen!
Ferner wünsche ich, dass die Aktivitäten der Earth Walkers noch bekannter werden. Seit dem Erdbeben sind 15 Jahre vergangen, und die Spenden gehen zurück. Wenn unsere Aktivitäten das Interesse finden würden, wäre ich sehr dankbar, wenn man für Oberschülerinnen und -schüler, die z. B. erneuerbare Energien in Deutschland lernen wollen, spenden würde.
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