"Es ist wichtig, alle an diesem Veränderungsprozess teilhaben zu lassen"

Die Energiewende ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern ein umfassender gesellschaftlicher Wandel. Im Projekt BigTrans untersucht Prof. Dr. Julia Blasch, Professorin für Umwelt- und Nachhaltigkeitsökonomik an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) und Gastforscherin am Institute for Environmental Studies (IVM), Vrije Universiteit Amsterdam, gemeinsam mit Partner*innen, wie große Solar- und Windparks geplant werden können, sodass sie sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig sind. Im Fokus stehen die Beteiligung der Bürger:innen, regionale Wertschöpfung und transparente Entscheidungsprozesse. Die Ergebnisse zeigen, dass frühe Einbindung, niederschwellige Kommunikation und echte Mitsprache entscheidend sind, um Vertrauen zu schaffen und Konflikte zu vermeiden.

Das Projekt BigTrans verfolgt einen transdisziplinären Ansatz. Warum ist die Energiewende nicht nur eine technische Transformation, sondern auch ein gesellschaftlicher Wandel? Welche Auswirkungen hat das?

Wenn die Energiewende eine rein technische Transformation wäre, wären wir vermutlich auf einem guten Weg bei der Umsetzung. Die notwendigen Technologien gibt es ja bereits. Für die Umsetzung müssen allerdings Investitionen in Infrastruktur vorgenommen werden. Da geht es darum, wie finanzielle Mittel eingesetzt werden, und wie sich der Umbau der Energieinfrastruktur konkret auf die Umwelt und die Menschen auswirkt. Das hat Auswirkungen auf die Lebenswelt der BürgerInnen und berührt deren Interessen. Bei großen Solar- oder Windparks, die im Fokus unseres Projekts stehen, spielen z.B. die Veränderung des Landschaftsbilds und der Landnutzung und die damit verbundene Wertschöpfung eine wichtige Rolle. Daher ist es wichtig, alle an diesem Veränderungsprozess teilhaben zu lassen. 

Wieso ist Beteiligung bei Großprojekten wichtig und welche besonderen Herausforderungen sehen Sie hier? 

Großprojekte wie Solar- oder Windparks konkurrieren in der Regel mit anderen Flächennutzungen. Unsere Forschung hat gezeigt, dass Menschen vor Ort sehr konkrete Vorstellungen davon haben, wie Flächen genutzt werden sollten, und von wem – und wer von einer Nutzung für Energieerzeugung profitieren sollte. Wird gegen diese Vorstellungen verstoßen, regt sich schnell Unmut und Widerstand bei den Anwohnenden. Erst wenn man die Ursachen hierfür versteht, kann man auf die Menschen zugehen und Angebote machen. Wir möchten die PlanerInnen und EntscheiderInnen ermutigen, die Bedenken und Einwände der Menschen ernst zu nehmen und diese in Planungs- und Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen, indem man gemeinsam Lösungen sucht. Dass es meist nicht nur eine Lösung bzw. Umsetzungsmöglichkeit gibt, sondern vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten, wollen wir mit unseren im Projekt entwickelten technischen Szenarien aufzeigen.  

Ist Information gleich Teilhabe? Wie muss Teilhabe gestaltet werden, damit sich Menschen tatsächlich eingebunden fühlen?

Information allein ist eine eher minimale Form von Teilhabe. Eine stärkere Form von Beteiligung kann in Form von Mitsprache in Planungs- und Entscheidungsprozessen oder als finanzielle Beteiligung, z.B. an den Erträgen von Solar- oder Windparks, erfolgen. Die Ergebnisse der Umfragen, die wir im Projekt durchgeführt haben, sprechen dafür, dass die Menschen vor Ort beteiligt werden möchten. Interessanterweise nicht zwingend, indem sie selbst mitentscheiden dürfen, sondern eher indem sie konsultiert werden, so dass ihre Meinungen und Bedürfnisse Gehör finden. 

Modellkommune im Projekt BigTrans war Steinhöfel. Wie kam es dazu?

Wir haben für unser Projekt eine ländliche Gemeinde gesucht, die im Prozess der Planung eines großen Solarparks war. Über Kontakte unserer Projektpartner kamen wir da auf die Gemeinde Steinhöfel in Brandenburg. Zusätzlich haben wir unsere Forschung in ländlichen Gemeinden durchgeführt, die bereits einen Planungsprozess für eine große Erneuerbare Energien-Anlage durchlaufen hatten, mit unterschiedlichem Ausgang, sowie in Gemeinden, in denen ein Planungsprozess noch nicht gestartet wurde.

Sie haben im Verlauf des Projekts verschiedene Mitmach-Veranstaltungen durchgeführt, in Steinhöfel, aber auch anderen Kommunen. Welche Rückmeldungen aus der Bevölkerung haben Sie überrascht oder besonders bereichert?

Mitmach-Veranstaltungen haben wir vor allem in Steinhöfel durchgeführt, u.a. eine Zukunftswerkstatt und eine aufsuchende Beteiligung auf einem Dorffest. In anderen Kommunen haben wir Diskussionsgruppen durchgeführt. Zentral war in den meisten Veranstaltungen die Ablehnung einseitigen Profits durch die Änderung der Landnutzung. Gleichzeitig wurde –in scheinbarem Widerspruch dazu – die Gestaltungsfreiheit der Landeigentümer betont. Damit verbunden waren auch Ideen lokaler Energieautarkie oder zumindest gesteigerter Selbstversorgung. Unter diesem Vorzeichen wurde der größte Gestaltungswille deutlich. In allen Veranstaltungen war der Eindruck verbreitet in den Planungsverfahren nicht richtig beteiligt worden zu sein. Es herrschte oft das Gefühl vor, dass Beteiligungsmöglichkeiten nicht transparent und zugänglich gemacht wurden.

Welche Gemeinsamkeiten haben Sie in den Workshops in verschiedenen Regionen (z. B. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern) beobachten können?

Die besten Vergleichsmöglichkeiten haben wir bei der Umfrage, die wir bisher in sechs Gemeinden in ganz Deutschland durchgeführt haben, sowie bei den Fokusgruppen, die wir bisher in drei Gemeinden in Deutschland durchgeführt haben. Einige Ergebnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Gemeinden. Die hohe Bedeutung des Wunsches nach Autarkie und lokaler Wertschöpfung zum Beispiel, verbunden mit einem allgemeinen Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle, das einige Menschen als bedroht empfinden. Allgemeine Ablehnung der Energiewende wurde nur selten zum Ausdruck gebracht. Vielmehr war Misstrauen gegenüber Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft oder Medien ein verbreiteter Bezugspunkt für Kritik. Die Bewertung von Beteiligung an Entscheidungsprozessen ist dabei ambivalent und hängt davon ab, ob die Menschen wahrnehmen, dass lokale Interessen anerkannt werden und wie mit Widersprüchen umgegangen wird. Auch wurde der Verlust des Zugangs zur gewohnten landwirtschaftlichen oder natürlichen Landschaft in allen Regionen als negativer Aspekt des Baues von Großanlagen wie Solar- oder Windparks gewertet. Eine Gemeinsamkeit auf technischer Ebene ist die klare Präferenz für den Bau von Batteriespeichern im Kontext der Errichtung von großen Erneuerbaren Energien-Anlagen. Das passt zu dem geäußerten Bedürfnis nach Sicherheit und Autarkie.

Was genau ist der „Energiewendenavigator“ und wie können Kommunen ihn nutzen? 

Es handelt sich um verschiedene Handreichungen, die MitarbeiterInnen in der kommunalen Verwaltung und OrtsvorsteherInnen, aber auch BürgerInnen das Wissen an die Hand geben, um große Erneuerbare Energien-Anlagen im Interesse der Gemeinde zu gestalten bzw. sich in Planungs -und Entscheidungsprozesse kompetent einzubringen. Dazu gehören relevante Informationen zu verschiedenen Themen, u.a. Welche Formen erneuerbarer Energien gibt es? Welche rechtlichen Regelungen gibt es in Deutschland zum Bau großer Erneuerbarer Energien-Anlagen? Wer ist an Planungsprozessen üblicherweise in welcher Rolle beteiligt? Wie funktioniert Bauleitplanung? etc. Aber auch ein Beteiligungsleitfaden, eine Broschüre zu konstruktiver Kommunikation sowie technische Szenarien. All diese sollen den Menschen helfen, die Energiewende vor Ort ohne großes Vorwissen zu navigieren und mit professionell agierenden Akteuren wie Projektierern auf Augenhöhe sprechen zu können. Wir sehen eine wichtige Rolle des Energiewendenavigators also darin, Informationsasymmetrien zwischen Stakeholdern abzubauen, damit man gemeinsam informierte Entscheidungen für die Gemeinden treffen kann.

Anm. d. Red.: Wer noch tiefer einsteigen möchte, kann sich noch für die begleitende Online‑Veranstaltung am 16. April 2026 anmelden, in der der Energiewendenavigator vorgestellt wird. 

Gibt es schon erste Handlungsempfehlungen, die Sie teilen können? 

Unsere Broschüre „Energiewende gemeinsam gestalten – lokal, gerecht, mit Perspektive“ fasst unsere bisherigen Handlungsempfehlungen recht kompakt zusammen. Es geht darum, die Menschen vor Ort früh im Prozess einzubinden, bereits bei der Standortwahl für große Anlagen. Dann geht es darum, transparent und niederschwellig zu kommunizieren, um möglichst alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Und schließlich geht es darum, die Projekte so zu gestalten, dass sie zur regionalen Wertschöpfung beitragen. Im Idealfall nehmen die Menschen vor Ort konkret wahr, dass sie bzw. ihre Gemeinde von den Anlagen profitieren.