Hochwasserrisiken neu denken: Warum Resilienz bei den Menschen beginnt
Wie können Kommunen sich besser auf Extremhochwasser und Starkregen vorbereiten?
Im Interview spricht Alessa Trüdinger vom Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) der Universität Stuttgart, die im Forschungsprojekt KAHR mitarbeitet, über risikobasierte Bewertung, sensible Infrastrukturen und resilienten Wiederaufbau.
Dabei geht es um mehr als die Frage, wie hoch das Wasser steigen kann: Entscheidend ist auch, wer betroffen ist, welche Unterstützung Menschen benötigen und wie Infrastrukturen auch unter Extrembedingungen funktionieren können.
Am Beispiel des Ahrtals zeigt Trüdinger, was Wissenschaft zum Wiederaufbau beitragen kann – und warum Kommunen nicht erst auf die nächste Katastrophe warten sollten.
1. Sie haben ein Bewertungsraster entwickelt, das hilft zu entscheiden, ob eine sensible Infrastruktur wie eine Schule nach einer Flut vor Ort wieder aufgebaut oder verlagert werden sollte. Wie funktioniert dieses Raster - und was macht es so praktikabel für Kommunen?
Das Bewertungsraster soll Kommunen dabei unterstützen, das Hochwasserrisiko sensibler Infrastrukturen systematisch und nachvollziehbar einzuschätzen. Der entscheidende Punkt ist, dass nicht nur auf die Gefährdung durch Hochwasser (und Starkregen) geschaut wird, sondern auch darauf, wie vulnerabel (verwundbar) die Menschen und die jeweilige Infrastruktur sind.
Dazu sollen verschiedene Aspekte betrachtet werden: Wie stark kann ein Standort beispielsweise durch Überflutung im Extremfall betroffen sein? Wie hoch können Wasserstände und Fließgeschwindigkeiten sein? Wer nutzt die Einrichtung? Können sich die Menschen im Ernstfall selbstständig in Sicherheit bringen? Wie gut kann eine Evakuierung funktionieren? Und welche besonderen Anforderungen bestehen an die Infrastruktur?
Diese Informationen werden in einem qualitativen Bewertungsrahmen zusammengeführt. So lässt sich systematisch bestimmen, ob ein Standort einer sensiblen Infrastruktur ein niedriges, mittleres, hohes oder sehr hohes Risiko aufweist und welche Konsequenzen daraus entstehen. Das kann von zusätzlichen Schutzmaßnahmen über Anpassungen der Nutzung bis hin zu der Frage reichen, ob ein Standort überhaupt wieder aufgebaut werden sollte.
Das macht den Ansatz für Kommunen praktikabel: Sie benötigen dafür nicht zwangsläufig eine aufwendige quantitative Risikoanalyse. Der Rahmen strukturiert vorhandene Informationen und macht sichtbar, welche Fragen für eine konkrete Entscheidungsfindung relevant sind. Im Fall der Levana-Schule im Kreis Ahrweiler konnte mit diesem Ansatz beispielsweise gezeigt werden, dass aufgrund der hohen Gefährdung und der besonderen Vulnerabilität der Schülerinnen und Schüler ein sehr hohes Risiko besteht und eine Verlagerung gegenüber einem Wiederaufbau am bisherigen Standort die resilientere Lösung darstellt.
2. Welche Schutzstandards empfehlen Sie statt der bisherigen Standards?
Es sollte insgesamt stärker ein risikobasierter Ansatz verfolgt und nicht allein ein bestimmtes statistisches Hochwasserereignis als Schutzniveau für jegliche Infrastruktur genutzt werden.
Ein HQ100 beispielsweise beschreibt ein Ereignis, das statistisch gesehen einmal in einhundert Jahren auftritt. Das allein sagt jedoch nichts darüber aus, welche Konsequenzen dieses Ereignis für unterschiedliche Menschen oder Infrastrukturen hat. Für eine Einrichtung, in der sich überwiegend Menschen aufhalten, die sich nicht selbst evakuieren können, muss der Schutzanspruch ein anderer sein als bei einer Nutzung, bei der eine Evakuierung vergleichsweise einfach möglich ist.
Deshalb sollten insbesondere bei sensiblen Infrastrukturen auch Extremereignisse jenseits der üblichen Bemessungsstandards betrachtet werden. Ebenso müssen Starkregen und andere
Überflutungsszenarien berücksichtigt werden, die durch klassische Ansätze teilweise nicht ausreichend abgedeckt werden.
Dass höhere Standards trotzdem schwer umzusetzen sind, hat mehrere Gründe. Zum einen kostet zusätzlicher Schutz häufig (mehr) Geld. Zum anderen treffen solche Entscheidungen auf bestehende Siedlungsstrukturen, Eigentumsverhältnisse, Planungs- und Bauvorgaben. Und nach einer Katastrophe kommt Zeitdruck noch als weiterer Faktor hinzu. Kommunen sowie Infrastrukturbetreiberinnen und -betreiber müssen schnell wieder funktionierende Infrastruktur herstellen. Das kann dazu führen, dass zunächst der vorherige Zustand wiederhergestellt wird, anstatt grundsätzlich über eine resilientere Lösung nachzudenken.
3. Warum bleiben manche Betroffene und andere ziehen weg?
Die Entscheidung, nach einer Flut zu bleiben oder wegzuziehen, lässt sich nicht allein mit der objektiven Gefährdung eines Standortes erklären. Unsere Untersuchung im Ahrtal zeigt, dass insbesondere Eigentumsverhältnisse und die Bindung an den Ort eine wichtige Rolle spielen.
Gemeinsam mit dem Institut für Umweltwissenschaften und Geographie und mit Unterstützung des Landkreises Ahrweiler haben wir dafür 516 von der Flut betroffene Haushalte befragt. Die Eigentümerschaft von Haus oder Wohnung beeinflusste die Entscheidung, ob Menschen bleiben oder wegziehen wollten. Auch eine starke Bindung an den Wohnort und die Einschätzung, dass ein solches Extremereignis sehr selten ist, standen mit der Entscheidung für einen Verbleib und Wiederaufbau in Zusammenhang. Alter, Geschlecht und Haushaltseinkommen hatten dagegen kaum einen Einfluss.
Besonders interessant ist, dass viele Befragte Rückzug aus besonders gefährdeten Gebieten oder die Verlagerung kritischer und sensibler Infrastrukturen grundsätzlich als sinnvolle Maßnahmen zur Risikoreduktion ansehen, gleichzeitig aber selbst am bisherigen Wohnort bleiben oder dort wiederaufbauen wollen.
Das zeigt, dass zwischen der allgemeinen Einschätzung einer sinnvollen Anpassungsmaßnahme und der persönlichen Entscheidung eine Lücke bestehen kann. Für Menschen geht es nicht nur um Risiko. Es geht auch um Heimat, soziale Beziehungen, Eigentum, Arbeitswege und die Frage, welche Alternativen überhaupt realistisch verfügbar sind.
Deshalb sollte „Relocation“ nicht einfach bedeuten, Menschen aus einem gefährdeten Gebiet abzusiedeln. Es braucht gute und akzeptable Alternativen – und einen Prozess, in dem die betroffenen Menschen einbezogen werden.
4. Was macht einen wirklich resilienten Wiederaufbau aus?
Ein resilienter Wiederaufbau bedeutet nicht, das Zerstörte möglichst schnell wieder genauso herzustellen. Er bedeutet, aus der Katastrophe zu lernen und die Bedingungen so zu verändern, dass zukünftige Ereignisse weniger Schäden verursachen.
Das kann bedeuten, Gebäude hochwassersicherer zu gestalten. Es kann aber ebenso bedeuten, Nutzungen zu verändern, kritische und sensible Infrastrukturen an einen sichereren Standort zu verlagern, Flächen für den Hochwasserabfluss freizuhalten oder Warn- und Evakuierungssysteme zu verbessern.
Bei sensiblen Infrastrukturen muss dabei besonders auf die Menschen geschaut werden, die auf diese Einrichtungen angewiesen sind. Eine Schule ist nicht allein deshalb resilient, weil ihr Gebäude mit baulichen Schutzmaßnahmen versehen wurde. Entscheidend ist auch, ob Schülerinnen und Schüler und das Personal im Extremfall weiterhin sicher sind und ob die Funktion, in dem Fall die Bildung, nach einem Ereignis möglichst schnell wieder aufgenommen werden kann.
In der Praxis scheitert ein solcher Ansatz häufig daran, dass Wiederaufbau zunächst als Reparaturaufgabe verstanden wird: Das, was vorher da war, soll möglichst schnell wiederhergestellt werden. Hinzu kommen Förderbedingungen, bestehende rechtliche Rahmenbedingungen und der enorme Zeitdruck nach einer Katastrophe.
„Building Back Better“ bedeutet deshalb auch, den Wieder- und Neuaufbau als Gelegenheit für eine langfristige und nachhaltige Transformation zu verstehen. (für mehr Infos aus KAHR hierzu: https://wires.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wat2.70084)
5. Was wurde von den wissenschaftlichen Empfehlungen nach der Flut 2021 umgesetzt?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass wissenschaftliche Empfehlungen durchaus in konkrete Entscheidungen einfließen können – aber ihre Umsetzung nicht unbedingt automatisch erfolgt.
Ein gutes Beispiel ist die Levana-Schule im Kreis Ahrweiler. Die wissenschaftliche Risikoanalyse hat gezeigt, dass aufgrund der hohen Gefährdung des Standortes und der besonderen Vulnerabilität der Schülerinnen und Schüler ein sehr hohes Risiko besteht. Die Ergebnisse wurden genutzt, um die Verlagerung der Schule zu unterstützen. Damit wurden wissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich in eine konkrete Wiederaufbauentscheidung übersetzt.
Auch bei anderen Infrastrukturen wurden Empfehlungen aufgegriffen. Beispielsweise wurde beim Wiederaufbau der Wasserversorgung in Walporzheim ein höherer Schutzstandard (HQextrem) zugrunde gelegt, oder bei Brücken und der Bemessung dieser wurden Empfehlungen zur hydraulischen Leistungsfähigkeit und zu zusätzlichen Belastungen, etwa durch Treibgut, aufgegriffen.
Gleichzeitig wurden und werden nicht alle Empfehlungen umgesetzt. Beispielsweise erschweren Zeitdruck, Unsicherheit darüber, welche Maßnahmen finanziert werden, Flächenverfügbarkeit sowie bestehende Regelungen und der Bestandsschutz die Umsetzung teilweise.
6. Was braucht es, damit Wissenschaft tatsächlich ins Handeln kommt?
Wissenschaft muss frühzeitig Teil des Entscheidungsprozesses sein – und nicht erst dann hinzugezogen werden, wenn die wesentlichen Entscheidungen bereits getroffen wurden.
Das Beispiel des KAHR-Projekts zeigt, wie wichtig dabei ein transdisziplinärer Ansatz ist. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben nicht nur Studien veröffentlicht, sondern ihre Ergebnisse kontinuierlich mit Kommunen, Behörden und weiteren Akteuren diskutiert, z.B. im Rahmen von Wissenschafts-Praxis-Dialogen, Planspielen oder Workshops, und an den praktischen Anforderungen des Wieder- und Neuaufbaus ausgerichtet. Diese Verbindung von Wissenschaft und Praxis hat die Aufnahme einzelner Empfehlungen deutlich unterstützt.
Gleichzeitig müssen wissenschaftliche Ergebnisse so aufbereitet werden, dass sie für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger nutzbar sind. Eine Kommune oder eine Infrastrukturbetreiberin/ein Infrastrukturbetreiber braucht beispielsweise nicht nur die Aussage, dass das Hochwasserrisiko „hoch“ ist. Diese Akteure brauchen Antworten auf konkrete Fragen: Was bedeutet das für diese Infrastruktur? Welche Optionen gibt es? Was kostet eine Anpassung? Wann ist eine Verlagerung sinnvoller?
Darüber hinaus werden institutionelle Strukturen benötigt, die wissenschaftliche Beratung und Begleitung auch über die akute Krisenphase hinaus ermöglichen, wobei die Wissenschaft auch als „objektiver und neutraler“ Akteur agieren und vermitteln sowie Lern- und Transformationsprozesse unterstützen kann.
7. Was raten Sie Kommunen, die noch keine Extremwetterkatastrophe erlebt haben?
Ganz allgemein: Warten Sie mit dem Handeln nicht erst auf die Katastrophe.
Und etwas konkreter in Bezug auf den systematischen Bewertungsrahmen und die Thematik der sensiblen Infrastrukturen: Kommunen sollten bereits heute systematisch prüfen, welche sensiblen und kritischen Infrastrukturen besonders gefährdet sind. Zu den sensiblen Infrastrukturen gehören beispielsweise Schulen, Kindergärten, Pflege- und Betreuungseinrichtungen oder andere Einrichtungen, in denen sich Menschen aufhalten, die im Ernstfall besondere Unterstützung benötigen. Zu den kritischen Infrastrukturen gehören beispielsweise die Energie- und Wasserversorgung, der Verkehr und die medizinische Versorgung sowie weitere „Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“ (https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Kritische-Infrastrukturen/kritische-infrastrukturen_node.html).
Bei der Betrachtung sensibler Infrastrukturen sollten drei Punkte genauer betrachtet werden:
Erstens: Wo liegt die Infrastruktur und welchen Gefahren ist sie ausgesetzt? Dabei sollten nicht nur klassische Hochwasserszenarien betrachtet werden, sondern z.B. auch Extremhochwasser und Starkregen.
Zweitens: Wer befindet sich in der Einrichtung? Eine Überflutung von einem Meter Wasserhöhe bedeutet für eine mobile Person etwas anderes als für ein Kind, einen älteren Menschen oder eine Person mit Behinderung, die Unterstützung bei der Evakuierung benötigt.
Drittens: Welche Optionen haben wir? Das können bauliche Anpassungen, technische Schutzmaßnahmen, veränderte Evakuierungskonzepte, organisatorische Maßnahmen oder auch eine Verlagerung sein.
Unser Bewertungsrahmen soll dabei helfen, da er unterschiedliche Aspekte des Risikos sichtbar macht und damit eine Grundlage für Entscheidungen über Anpassung, Schutz oder Verlagerung schafft.
Und wieder etwas allgemeiner: Außerdem empfehlen wir, dass die Raumplanung sowie Schutzstandards stärker risikobasiert sein und die Vulnerabilität der Nutzer*innen berücksichtigen sollten und dass die Standortwahl im Hinblick auf (zukünftige) Risiken kritisch evaluiert werden sollte. Auch der Rückbau von Siedlungsstrukturen in (künftig) gefährdeten Gebieten sollte als Option bedacht und – wo sinnvoll – unterstützt werden.
Die zentrale Frage ist dabei nicht nur: Wie können wir Schäden beim nächsten Extremereignis reduzieren? Sondern: Wie treffen wir heute Entscheidungen, die auch unter einem zukünftigen Extremereignis noch funktionieren? Und was lernen wir aus Katastrophen und von anderen Regionen?
8. Was hat Sie bei Ihrer Arbeit im Ahrtal am meisten überrascht oder bewegt?
Wie stark sich die Risikobewertung verändert, wenn man nicht nur auf ein Gebäude, sondern auf die Menschen schaut, die dieses Gebäude nutzen.
Bei der Levana-Schule wurde das sehr deutlich. Der Standort liegt unmittelbar an der Ahr und wurde 2021 massiv überflutet. Gleichzeitig handelt es sich um eine Schule für Kinder mit Behinderungen, von denen einige besondere Unterstützung bei einer Evakuierung benötigen. Dadurch bekommt die Frage nach dem Hochwasserrisiko eine ganz andere Dimension. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass wir bei der Klimaanpassung und Risikoreduktion nicht nur fragen dürfen: Wie hoch steht das Wasser und wie schnell fließt es? Wir müssen ebenso fragen: Wer ist dort und was bedeutet ein solches Ereignis für diese Menschen?
Das ist auch eine Erkenntnis, die sich auf andere Regionen und Länder übertragen lässt. Resilienz ist nicht allein eine technische Eigenschaft eines Gebäudes. Sie hängt immer auch davon ab, wie vulnerabel die Menschen sind, welche Möglichkeiten sie zur Bewältigung haben, ob eine Infrastruktur ihre wichtige Funktion auch unter Extrembedingungen erfüllen kann – und ob zudem Lernmechanismen implementiert sind und Transformationsprozesse umgesetzt werden.
ANMERKUNG: Die Antworten basieren auf den Erkenntnissen aus den folgenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen:
Truedinger, Alessa; Birkmann, Joern; Fleischhauer, Mark; Ferreira, Celso (2025): Qualitative risk assessment of sensitive infrastructures at the local level: flooding and heavy rainfall. In: Nat. Hazards Earth Syst. Sci. 25 (6), S. 2097–2113. DOI: 10.5194/nhess-25-2097-2025.
Truedinger, Alessa Jasmin; Jamshed, Ali; Sauter, Holger; Birkmann, Joern (2023): Adaptation after Extreme Flooding Events: Moving or Staying? The Case of the Ahr Valley in Germany. In: Sustainability 15 (2), S. 1407. DOI: 10.3390/su15021407.
Birkmann, Joern; Schüttrumpf, Holger; Handmer, John; Thieken, Annegret; Kuhlicke, Christian; Truedinger, Alessa et al. (2023): Strengthening resilience in reconstruction after extreme events – Insights from flood affected communities in Germany. In: International Journal of Disaster Risk Reduction 96, S. 103965. DOI: 10.1016/j.ijdrr.2023.103965.
Birkmann, Joern; Truedinger, Alessa; Schuettrumpf, Holger (2025): The Impact of Science: Uptake of Scientific Recommendations After Extreme Events—Case Study Floods in 2021 in Germany. In: J Flood Risk Management 18 (3), Artikel e70100. DOI: 10.1111/jfr3.70100.
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