naturstrom: Neue Hemmnisse für die Energiewende statt der notwendigen Beschleunigung

Düsseldorf, 22. April 2026. Zu den heute bekanntgewordenen offiziellen Entwürfen von EEG, Netzpaket und Kraftwerksstrategie erklärt Oliver Hummel, Vorstandsvorsitzender der naturstrom AG:

„Die Branche hat lange auf die energiepolitischen Vorschläge des Bundeswirtschaftsministeriums gewartet, es gab und gibt große Unsicherheit bei vielen Unternehmen. Nachdem nun Entwürfe zu zentralen Gesetzen bekannt geworden sind, muss ich leider sagen: Lieber noch länger warten als diese Vorschläge umsetzen.

Wenn die vorgelegten Dokumente so beschlossen werden, würde das neue Hemmnisse für die Energiewende bedeuten statt der notwendigen Beschleunigung!

Besonders problematisch ist der Redispatch-Vorbehalt im Netzpaket, der trotz massiver Vorab-Kritik unverändert Eingang gefunden hat in den Referentenentwurf. Dieser Regelungsvorschlag würde weite Teile des Landes für den weiteren Erneuerbaren-Ausbau quasi sperren, indem er Projektierer und Finanzierer vor unplanbare Risiken stellt. 

Vor allem die Schwelle von drei Prozent Redispatchvolumen, ab der der Vorbehalt gelten soll, ist absurd: Dieser Wert ist bei der Netzausbauplanung weithin als Standard anerkannt, im deutschlandweiten Schnitt wurde 2025 ca. 3,5 Prozent der erzeugbaren Ökostrom-Mengen nicht abtransportiert – hier würde also der Normalfall zur angeblichen Extremsituation gemacht. Die grundlegende Idee einer regionalen Steuerung des Erneuerbaren-Zubaus zur Vermeidung von Redispatch ist zwar nachvollziehbar, der aktuelle Vorschlag belastet aber einseitig die Erneuerbaren-Branche.

"Der aktuelle Vorschlag belastet einseitig die Erneuerbaren-Branche"

Gute Alternativvorschläge, die die Interessen von Projektentwicklern und Netzbetreibern besser austarieren, sind längst in der Debatte. Wenn diese aufgegriffen werden, kann das Netzpaket, das ansonsten auch einige zielführende Neuregelungen enthält, noch zu einem Schritt nach vorne bei der Energiewende werden.

Der Vorschlag zum EEG 2027 ist in vielen Punkten eher gelungen, die vorgesehene Vergütungsstreichung für kleine Photovoltaikanlagen trübt den Gesamteindruck jedoch deutlich. Die meist privaten Betreiber kleiner Solaranlagen in die Direktvermarktung zu zwingen, die bislang nur für Großanlagen wirtschaftlich darstellbar ist, ist illusorisch. Hierfür fehlen ausreichend digitalisierte Marktprozesse seitens der Verteilnetzbetreiber. Jetzt eine Förderstreichung zu beschließen, würde daher sehr wahrscheinlich einen Markteinbruch bei Solaranlagen auf Eigenheimen und übrigens auch für Mieterstromprojekte bedeuten, und damit sowohl die breite Energiewende-Beteiligung wie auch die systemisch vorteilhafte Vor-Ort-Nutzung von Solarstrom enorm zurückwerfen. Der Beschluss muss daher vom Kopf auf die Füße gestellt werden: erst passende Marktprozesse etablieren, dann die Einspeisevergütung angehen.

Von der Klein-Photovoltaik abgesehen sind die Förder-Umstellung auf einen produktionsabhängigen CfD und die Fortsetzung bzw. teilweise sogar Erhöhung der Erneuerbaren-Ausschreibungen sehr zu begrüßen – gut, dass das Wirtschaftsministerium sich hier um klare, einfache Regelungen bemüht! Es ist zwar etwas verwunderlich, dass die im Klimaschutzprogramm zugesagten zusätzlichen 12 GW Windenergie noch nicht im Referentenentwurf enthalten sind, aber dies wird hoffentlich kurzfristig noch ergänzt.

Die Kraftwerksstrategie betrachte ich hingegen grundsätzlich und auch in der aktuellen Ausgestaltung skeptisch. Eine Absicherungspflicht hätte steuerbare Leistungen marktlicher und damit effizienter organisieren können. Und wenn man schon auf staatliche Ausschreibungen setzt, sollten diese wirklich technologieoffen sein und nicht wie im aktuellen Vorschlag von so vielen Spezialbedingungen verzerrt werden, dass quasi nur noch Gaskraftwerke als Option für die ersten Ausschreibungsrunden bleiben. 

Neue Großkraftwerke sind keineswegs die einzige Option, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten – auch Lastflexibilität, Speicher und kleinere steuerbare Erzeugungskapazitäten wie Bioenergieanlagen haben hier enorme Potenziale. Der Vorschlag für das ,Gesetz zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom‘ aus dem Bundeswirtschaftsministerium ist hier viel zu verengt, das wäre wirtschaftlicher, effizienter und klimafreundlicher zu organisieren.“     

Pressekontakt
Dr. Tim Loppe
Pressesprecher / Leiter Medien & Politik 
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