Marx und Megawatt

kurzschlussFür gewöhnlich lässt sich das Verhältnis der konservativen FAZ und dem Links-Sozialisten Oskar Lafontaine mit dem sprichwörtlichen Teufel-Weihrauch-Vergleich beschreiben. Nicht jedoch, wenn Lafontaine die Erneuerbaren Energien verteufelt und dabei in amtierend-frömmelnder Manier Windräder gegen Stahlbauten in Stellung bringt. Das druckt dann auch die FAZ mit Wonne ab. Auch sonst liefert Lafontaine in seinem Kommentar „Wie Windräder die Umwelt zerstören“ nicht gerade einen Beweis ideologisch-philosophischer Gradlinigkeit: Oskar Lafontaine ist Physiker. Vor diesem Hintergrund liest sich sein Kommentar hochspannend. Denn er vereint Expertise zu Marx und Megawatt. Umso mehr verwundert es, dass er die Erneuerbaren Energien derart verteufelt. Verlagern doch gerade diese die Produktionsmittel der Stromerzeugung (Windräder, Solar- und Biogasanlagen) von den Großkonzernen in die Hände der einfachen Leute. Demokratischer geht Energieproduktion nicht. Auch seine Frömmigkeit überrascht: Lafontaine stört, dass moderne Windenergieanlagen weiter gen Himmel ragen als das Ulmer Münster und der Kölner Dom. Da denkt doch nicht nur der fromme Christ, sondern auch der gewissenhafte Sozialist: Das ist Blasphemie! Lafontaine leistet also nicht gerade einen Nachweis philosophischer Geradlinigkeit. Dennoch gilt er vielen immer noch als Vordenker der Linken. Ob er über die Energiewende auch gelegentlich nachdenkt? Für Lafontaine sind Windräder einfach nur „Stahlkolosse“, die die Landschaft in einer in der Geschichte der Industrialisierung noch nie dagewesenen Weise verschandelten. Doch wer schon einmal die Völklinger Hütte im Saarland besichtigt hat, die Braunkohletagebaue in NRW und Brandenburg von oben gesehen hat oder unter den im Saarland nicht unüblichen Bodenabsenkungen, kleineren Erdbeben und Rissen in Hauswänden als Folge des Kohlebergbaus gelitten hat, der weiß, welche Narben die Kohle- und Stahlindustrie in der Landschaft bereits hinterlassen haben.

Nicht ohne Stolz holt sich Lafontaine für seine Schmähschrift Zitate von Hölderlin bis Botho Strauß zu Hilfe. An anderer Stelle geizt er dagegen auf einmal mit der Offenlegung seiner Quellen: „Es mehren sich Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Ökostromausbau heute zu einem erhöhten Kohlendioxidausstoß führt“, flüstert ihm eine anonyme Quelle einfach zu. Diese Stimmen hätten ihm auch erklärt, dass mehr Windenergie gleichzeitig mehr Kohlekraft bedeute. So weiß der Physiker, es müssten „vermehrt Kohlekraftwerke eingesetzt werden, auch um Windenergie zu speichern“. Windenergie mit Kohle speichern? Ja, das gibt es bei Lafontaine. „Power to Coal“ heißt dieses neue Verfahren möglicherweise, bei dem Windstrom im sogenannten „Lafo-lyseverfahren“ in Kohle umgewandelt wird.

Aber auch die Kunst, ohne die Unwahrheit zu sagen in die Irre zu führen, beherrscht Lafontaine: Wie viele Gegner der Windkraft, verweist er auf den Anteil der Windenergie am Primärenergieverbrauch, um sie möglichst klein aussehen zu lassen. Ein Physiker weiß natürlich, dass sich so die gigantischen Energieverluste der Kohle auf dem Weg von Primär- zu Endenergie verschleiern lassen. Konsequenterweise behauptet Lafontaine: „Man muss kein Energieexperte sein, um sofort zu erkennen, dass der auf die Windenergie entfallende Anteil der Kohlendioxidreduzierung leicht durch andere Technologien ersetzt werden kann.“ Meint er damit die Atomkraft? Auch diese hatte am Primärenergieverbrauch nur einen geringen Anteil (7,6 Prozent). Die Erneuerbaren liegen zusammen bei etwa 12 Prozent. Er müsste es als Physiker eigentlich besser wissen.

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