Wurde die 100-Prozent-Marke Erneuerbare Energien schon erreicht? Über die Interpretation von Strommarktzahlen

RT__WindräderEine 100-prozentige Abdeckung des Stromverbrauchs durch Erneuerbare Energien – was vor 15 Jahren viele als utopisch abgetan hätten  – ist inzwischen in greifbare Nähe gerückt. Bisher gilt dies zwar nur für einzelne Momente im Jahr, im Durchschnitt wurde der Stromverbrauch über das gesamte Jahr 2017 zu gut 36 Prozent und damit zu über 60 Prozent konventionell abgedeckt. Dies berichtet etwa das Branchenmagazin Stadt+Werk. Auch wenn es bis zu einer dauerhaften Vollversorgung noch eine gewisse Wegstrecke ist, wäre zunächst auch eine kurzzeitige Vollversorgung durch Erneuerbare Energien ein wichtiger symbolischer wie auch praktischer Meilenstein. Nachdem im April 2017 der Stromverbrauch schon einmal zu 90 Prozent von Erneuerbaren Energien abgedeckt wurde und es sowohl offshore wie onshore zu einem deutlichen Windenergiezubau kam, war das Erreichen der 100-Prozent-Marke allenthalben für das Jahr 2018 erwartet worden –  da im Winter an windreichen Tagen nur wenig Solarstrom erzeugt wird, hat kaum jemand damit gerechnet, dass direkt zum Jahresstart über neue Ökostromrekorde diskutiert werden würde.

(KORREKTUR: Laut Auswertungen der Plattform SMARD  durch Prof. Dr. Bruno Burger wurde bereits im April 2017 und sogar erstmals schon im Mai 2016 die 100%-Marke, also mehr Erneuerbaren-Erzeugung als Stromverbrauch in Deutschland, kurzzzeitig überschritten. Vgl.: https://twitter.com/energy_charts_d/status/964988631562768385. Auch für diese Zeitpunkte gelten aber die im folgenden aufgeführten Betrachtungen - mit Hinblick auf die Sicherheit der Stromversorgung und die Unterschiede in der Datenerfassung umso mehr, da das Überschreiten 100%-Marke ja nun erst mit deutlichem Nachlauf bemerkt wurde.)

100 Prozent Erneuerbare Energien  – und keiner bemerkt es
Daher wundert es nicht, dass die ersten Artikel zu den Höchstwerten am Neujahrstag erst einige Tage später erschienen. Am 04. Januar veröffentlichte das ZDF dazu einen Beitrag und verkündete einen neuen Rekord: 95 Prozent und damit fast der gesamte Stromverbrauch seien für einige Stunden durch die Erneuerbaren-Erzeugung abgedeckt gewesen. Basis der Daten ist das Agorameter der Denkfabrik Agora Energiewende. Der hohe Wert wäre durch den relativ geringen Stromverbrauch am Feiertag sowie durch den starken Wind in den Morgenstunden erklärbar, so der Beitrag. Ebenfalls am 04. Januar erschien ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung zum Thema, der einen Schritt weiter ging: Laut deren Analyse auf Basis des SMARD-Datenportals der Bundesnetzagentur sei sogar die 100-Prozent-Marke am Neujahrstag schon überschritten worden – zwar nur für eine sehr kurze Zeitspanne, aber immerhin. Dabei wäre es nicht nur so, dass nicht nur die Endverbraucher in ihrem Alltag nichts davon mitbekommen hätten, dass sie für eine kurze Zeitspanne nur durch Ökostrom versorgt wurden, auch die Netzbetreiber hätten keine größeren Probleme verzeichnet.

Unterschiede in den Datenportalen
Auch wenn die Unterschiede marginal sind, sind diese doch für die Frage, wann erstmals eine kurzzeitige Vollversorgung in Deutschland erreicht wurde, entscheidend. Wie kommen diese Diskrepanzen zustande? Zum einen liegt dies an der darstellbaren Zeitspanne: während das Agorameter nur stundenweise Daten ausweist und entsprechend jeweils Durchschnittswerte für diesen Zeitraum bildet, ist auf der SMARD-Plattform auch die viertelstundengenaue Anzeige möglich – und da die 100 Prozent nur kurzzeitig zwischen 6.00 und 6.30 Uhr erreicht wurden, war die Auflösung im Agorameter nicht detailliert genug. Zum anderen gibt es aber auch Ungenauigkeiten bei der SMARD-Plattform, da dort Daten der europäischen Stromnetzbetreiber komplett unverändert abgebildet werden, diese allerdings nach Aussage von Agora unvollständig seien und daher einer gewissen Korrektur bedürften – welche im Agorameter natürlich vorgenommen werden. Ob Erneuerbare Energien am Neujahrsmorgen den Stromverbrauch zu maximal 95, zu 98 oder zumindest kurzzeitig zu über 100 Prozent abgedeckt haben, lässt sich mit letzter Gewissheit nicht bestätigen. Sicher ist, dass zum Jahresstart 2018 mindestens eine sehr hohe Abdeckung des Stromverbrauchs allein durch die Erneuerbaren-Einspeisung ohne Probleme bei der Versorgung erreicht wurde.

Herausforderungen auf dem Weg zur Erneuerbaren Vollversorgung
Auch wenn die sehr hohe bis vollständige Abdeckung des Stromverbrauchs durch Erneuerbare Energien ein wichtiger Meilenstein beim Umbau unserer Energieversorgung war, sollte nicht vergessen werden, dass dies nur eine kurze Momentaufnahme war – im Schnitt erreichte Deutschland 2017, wie beschrieben, eben nur einen Anteil Erneuerbarer Energien von 36,1 Prozent am Stromverbrauch, bis zu einer vollständig klimafreundlichen Stromversorgung ist es also trotz der beachtlichen Fortschritte noch ein weiter Weg. Bei diesem Transformationsprozess lauern einige Herausforderungen, wie auch die genannten Artikel deutlich machen. Das ZDF weist etwa darauf hin, dass trotz der Fortschritte bei der Stromerzeugung die Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren kaum gesunken sind – auch, weil in den anderen Verbrauchssektoren, insbesondere beim Verkehr, der Einsatz Erneuerbarer Energien nicht wie im Stromsektor erhöht werden konnte und der Ausstoß von Klimagasen hier sogar stieg. Auch die Süddeutsche Zeitung weist darauf hin, dass im Verkehrs- und Wärmesektor noch nicht entsprechende Fortschritte erzielt wurden und ergänzt zudem, dass auch der Stromsektor noch nicht ausreichend auf Erneuerbare ausgerichtet wäre: So hätten auch am Neujahrsmorgen trotz der hohen Verbrauchsdeckung durch Erneuerbare weiterhin konventionelle Kraftwerke erhebliche Leistungsmengen ins Netz eingespeist, was zu negativen Preisen von -76 Euro pro Megawattstunde geführt hätte. Insgesamt sei durch diese Verkettung von hoher EE-Einspeisung und unflexiblen Großkraftwerken im Jahr 2017 mehr Strom denn je von Deutschland ins Ausland exportiert worden, insgesamt 60,2 TWh und damit noch einmal sieben Prozent mehr gegenüber dem vormaligen Rekordwert aus 2016. Laut Süddeutscher Zeitung bzw. den darin zitierten Experten braucht es daher mehr Flexibilität im deutschen Strommarkt.

Negative Strompreise – Fehlentwicklung oder wichtige Steuersignale?
Auch die WELT geht auf das Thema negative Strompreise ein und problematisiert diese stark – laut den dortigen Redakteuren würden diese den „Irrsinn der Energiewende“ aufzeigen, welcher von der kommenden Regierung adressiert werden müsste. Die Problemlage würde sich allerdings in den aktuellen Sondierungspapieren noch nicht adäquat wiederfinden, die noch unkonkreten Formulierungen des Papiers zielten hinsichtlich des notwendigen Netz- und Speicherausbaus zu kurz. Ebenfalls in der WELT zeigt allerdings Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende, in einem Gastbeitrag eine andere Perspektive auf dieses Phänomen auf: Demnach gehörten kleine Geschenke wie etwa nicht-kostendeckende oder gar negative Preise und Prämien zum normalen Wirtschaftshandeln dazu, sie seien ein Zeichen von effizientem Handeln – etwa, weil es für Betreiber unflexibler Kraftwerke günstiger sein könnte, diese weiterlaufen zu lassen als sie mühsam herunter- und zu einem späteren Zeitpunkt wieder heraufzufahren. Da die entsprechenden Unternehmen solche Gratifikationen aber natürlich nicht als Dauerzustand etablieren wollen, gäbe ein vermehrtes Auftreten solcher Notwendigkeiten den Anreiz zu Investitionen – im Strommarkt etwa zum vermehrten Aufbau von Flexibilität. Demnach sei das Auftreten negativer Preise also ein natürlicher Marktvorgang, und der Umfang des Phänomens mit 180 Millionen (ein Prozent des gesamt umgesetzten Stroms) zudem vergleichsweise klein. Nichtsdestotrotz würden die negativen Preise eine gewisse Veränderungsnotwendigkeit anzeigen.

Erneuerbare Energien können also den Stromverbrauch punktuell schon den Stromverbrauch in Deutschland abdecken – selbst wenn die 100-Prozent-Marke an Neujahr noch knapp verfehlt worden wäre, ist das Erreichen dieses Punktes nur eine Frage der Zeit. Um unsere Energieversorgung dauerhaft und über alle Sektoren klimafreundlich zu gestalten, braucht es aber noch weitere Anstrengungen.

- Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht. -