"Je später man anfängt, desto größer wird der Berg, den man bearbeiten muss"

© Kimberly Bock / Stadtwerke Wolfenbüttel GmbHIm ersten Teil unserer Interviewreihe sprach Daniela Langner über das PV- und Batteriespeicher-Projekt an der Kläranlage Wolfenbüttel und darüber, wie Stadt, Stadtwerke und Abwasserbetriebe dabei zusammenarbeiten. Im zweiten Teil richtet sich der Blick nun auf die Wärmewende: Kimberly Bock ist bei den Stadtwerken Wolfenbüttel als Projektingenieurin tätig und trägt gemeinsam mit Geschäftsführer Ingo Schultz die Gesamtsteuerung für den Strategieprozess 2040. Zentrale Bausteine dabei: der Ausbau des Stromnetzes sowie die Nutzung von Abwasserwärme aus der Kläranlage – eine Wärmequelle, die ohnehin anfällt und nach ersten Berechnungen einen Wärmebedarf von rund 4.400 Megawattstunden decken könnte.

Im Interview spricht sie über den Stand der kommunalen Wärmeplanung, das Potenzial der Abwasserwärme und darüber, warum aus ihrer Sicht Bürger*innen, Stadt und Stadtwerke gemeinsam an einem Strang ziehen müssen.

Wie weit ist die kommunale Wärmeplanung für Wolfenbüttel?

Sie ist noch nicht abgeschlossen, wird aber voraussichtlich Ende dieses Jahres fertig. Zuletzt wurde der vorläufige Endbericht veröffentlicht und war einen Monat lang für die Öffentlichkeit einsehbar – ein rund 300 Seiten starkes Dokument. Wir haben dazu Stellung genommen und die Ergebnisse wurden auch schon, wenn auch noch nicht in aller Detailtiefe, an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert. Es kann im Zuge der Stellungnahmen noch Anpassungen geben, aber ich gehe davon aus, dass das Gesamtkonzept im Kern so bleibt.

Was zeichnet sich als zentrales Ergebnis ab?

Dass sich die Wärmeversorgung in Zukunft elektrifiziert. Das ist auch für uns als Netzbetreiber entscheidend, weil wir das Stromnetz entsprechend vorbereiten müssen – neben der Wärme spielt hier natürlich auch die E-Mobilität eine Rolle. Bei der Wärmeversorgung selbst stehen Wärmepumpen im Fokus: als dezentrale Lösung, aber auch als Basis für Wärmenetze. In beiden Fällen braucht es Umweltwärme und Strom. Laut den vorläufigen Ergebnissen müssen dafür zusätzlich rund 180 Kilometer Niederspannungsleitungen verlegt werden – das ist wirklich eine Menge, da liegt eine große Aufgabe vor uns.

Die Stadtwerke haben ja bereits vorher eine eigene Strategie entwickelt. Deckt sich die mit den Ergebnissen der kommunalen Wärmeplanung?

Wir haben uns schon vor der Zusammenarbeit im Wärmeplanungs-Gremium eigene Gedanken gemacht, wohin die Entwicklung geht – auch weil Niedersachsen bis 2040 klimaneutral werden will, ein noch ambitionierteres Ziel. Wir kommen zum gleichen Ergebnis: Die Wärmeversorgung wird sich elektrifizieren, wenn auch mit einer etwas anderen Verteilung der Energieträger. Für den Stromnetzausbau macht das im Kern keinen großen Unterschied – für uns heißt es so oder so: Wir müssen jetzt ran.

Welche lokalen Potenziale haben Sie sich angeschaut?

Vor allem die Abwasserwärme. Wolfenbüttel ist eine relativ kleine Stadt ohne allzu viel Industrie – Jägermeister ist sicher der bekannteste Betrieb, aber ansonsten hält sich das in Grenzen. Deshalb war für uns wichtig, zu schauen, welche Umweltwärme lokal zur Verfügung steht. Unser ehemaliger Geschäftsführer Matthias Tramp, der gleichzeitig auch die Kläranlage leitete, hat die Untersuchung der Abwasserwärme angestoßen; unser jetziger Geschäftsführer Ingo Schulz hat das Thema weitergetrieben. Es ist eine Wärmequelle, die ohnehin anfällt und quasi kostenlos zur Verfügung steht – sie nicht zu nutzen, wäre Verschwendung.

Was zeigen die Zahlen bislang?

Wir haben die Jahre 2022 bis 2024 verglichen und Durchschnittswerte gebildet. Dabei zeigt sich, dass die Abwasserwärme ein deutlich höheres Temperaturniveau hat ( 10,2 bis 22,5 Grad Celsius) als die Außenluft – gerade im tiefsten Winter, wenn der Wärmebedarf am höchsten ist. Genau darin liegt das große Potenzial. Insgesamt könnte damit ein Wärmebedarf von rund 4.400 Megawattstunden gedeckt werden, je nach Szenario natürlich individuell zu betrachten. Als mögliche Abnehmer haben wir vor allem Gebäude mit hoher Wärmedichte im Blick, etwa Pflegeheime oder Mehrfamilienhäuser.

Wie geht es von hier aus weiter?

Das läuft parallel zur kommunalen Wärmeplanung, in der die Abwasserwärme ebenfalls behandelt wird. Wir haben mehrere Szenarien durchgerechnet und dabei ein bis zwei identifiziert, die wirtschaftlich tragfähig sind – sowohl für die Kundinnen und Kunden, deren Preis vergleichbar mit bisherigen Energiekosten wäre, als auch für uns als Stadtwerke. Parallel beschäftigen wir uns mit Absicherungsmöglichkeiten, etwa einem möglichen Anschluss- und Benutzungszwang. Das ist aber eine Entscheidung, die die Stadt treffen muss, nicht wir. In Wolfenbüttel gibt es bislang noch kein Wärmenetz – das ist für uns alle Neuland, und wir müssen mit der Stadt gemeinsam klären, wie wir das grundsätzlich regeln wollen. Danach folgen Gespräche mit Eigentümerinnen und Eigentümern sowie Machbarkeitsstudien.

Ein positives Zeichen gibt es schon: Nachdem der vorläufige Endbericht veröffentlicht wurde, ist bereits ein Akteur auf uns zugekommen, mit dem wir uns nächste Woche zur Abwasserwärme austauschen. Es hat also schon Früchte getragen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Die Zusammenarbeit gestaltet sich als sehr zielgerichtet und fundiert. Ich vermute, gerade weil Wolfenbüttel eine kleinere Stadt ist und die Wege kürzer sind. Ich stehe im engen Austausch mit der Koordinatorin der kommunalen Wärmeplanung. Im begleitenden Wärmebeirat sitzen neben uns als Netzbetreiber u. a. auch die Wohnungsbaugesellschaften, die Ostfalia Hochschule und ein Bezirksschornsteinfeger – die Stadt hat hier von Anfang an sehr vorbildlich kommuniziert und alle frühzeitig eingebunden. Das gilt nicht nur für die Wärmeplanung, sondern auch für unsere eigene Strategie und den Stromnetzausbau, über den wir die Stadt ebenfalls informiert haben. Ein gemeinsamer Weg ist entscheidend, damit alles reibungslos läuft – etwa wenn es darum geht, Baustellenprozesse zu optimieren und Synergien zu nutzen: Wenn eine Straße ohnehin aufgerissen wird, sollte direkt mitgedacht werden, was sich sonst noch umsetzen lässt.

Und Ihre eigene Rolle beim Stromnetzausbau?

Die liegt direkt bei meinen Kolleginnen und Kollegen, ich bin da eher am Rand beteiligt. Zusammen mit unserem Geschäftsführer Ingo Schultz trage ich die Gesamtsteuerung für den Strategieprozess 2040, auf dem der Netzausbau basiert – ich behalte den aktuellen Stand im Blick, erkenne, wo es Blockaden gibt, und halte nach, dass definierte Handlungsfelder auch umgesetzt werden. In die einzelnen Gespräche bin ich aber nicht tief eingebunden.

Was raten Sie anderen Stadtwerken und Kommunen?

Stadtwerken würde ich raten, sich frühzeitig mit künftigen Szenarien der Wärmeversorgung zu beschäftigen. Wir hören aus der Branche, dass wir damit vergleichsweise früh dran sind – das sollte aber eigentlich jedes Stadtwerk, jeder Energieversorger und jeder Netzbetreiber tun. 2040 oder 2045 ist nicht mehr weit, und je später man anfängt, desto größer wird der Berg, den man bearbeiten muss, und desto schwieriger wird es, ihn zu bewältigen. Zum Thema Abwasserwärme: Praktisch jede Stadt hat eine Kläranlage, die diese ohnehin anfallende Wärme erzeugt – es lohnt sich, genauer hinzuschauen, welche Abnehmer es in der Nähe geben könnte. Und wenn die Gedanken über künftige Szenarien ausgereift sind, sollte unbedingt der Dialog mit der Stadt gesucht werden, um gemeinsame Strategien zu besprechen und im regelmäßigen Austausch zu bleiben.

Wie sind Sie selbst zur Energiewende gekommen?

Ich bin in Braunschweig aufgewachsen und habe an der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel Wirtschaftsingenieurwesen Energie studiert, seit 2022 dann im Masterstudiengang Energiesystem und Umwelttechnik.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hebel für die Wärmewende in Wolfenbüttel?

Ich sehe vor allem drei Akteure: die Bürgerinnen und Bürger, die Stadt und uns selbst. Wenn einer der drei sich nicht beteiligt, funktioniert das Ganze nicht. Ich stelle es mir wie ein Gemüsebeet vor: Wir als Netzbetreiber bereiten die Erde vor, damit neue Pflanzen eingesetzt werden können, stellen verschiedene Sorten bereit und sorgen für die Bewässerung. Die Stadt zeigt die Möglichkeiten auf, informiert und unterstützt die Bürgerinnen und Bürger – die ja nicht alle die gleichen Voraussetzungen haben – und kann auch vorschreiben, was in welchem Gebiet angepflanzt werden soll. Am Ende müssen die Bürgerinnen und Bürger selbst neue Pflanzen setzen: sich für eine neue Heizung entscheiden und sie auch einbauen. Ohne das gibt es keine Energiewende – deshalb müssen alle drei zusammenspielen.