Auf das Etikett kommt es an

kurzschlussteaser_250Kalbsleberwurst aus Schwein, Fruchtjoghurt ohne Fruchtanteil dafür mit künstlichem Aroma: Im Supermarkt erleben Verbraucher tagtäglich dreisten Etikettenschwindel, und mal ehrlich, viele Produzenten kommen damit durch. Kein Wunder also, dass auch in anderen Lebensbereichen versucht wird, der Bevölkerung ein X für ein U zu verkaufen. Ein Beispiel aus der Energiepolitik: In Bayern wird derzeit überlegt, wie der Neubau einer Höchstspannungsleitung mithilfe der Energiewende legitimiert werden kann. Überall im Freistaat gibt es Proteste gegen Leitungsneubauten. Die Gegner bezweifeln, ob die drei geplanten Trassen notwendig sind. Besonders die Süd-Ost-Passage ist umstritten, soll sie doch in einem Braunkohlerevier bei Halle starten. Eine neue Leitung für dreckigen Kohlestrom will in Bayern niemand. Was nun? Was bei Fischeiern des Seehasen klappt, die gefärbt und mit Kochsalz versetzt als „Deutscher Kaviar“ prima beim Verbraucher ankommen, funktioniert sicher auch bei Stromleitungen. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sucht deshalb nach einem neuen Startpunkt für die geplante Gleichstromtrasse. „Der Anfangspunkt einer Gleichstrom-Übertragungsleitung im Zentrum der Braunkohlestromerzeugung“, heißt es in einer Stellungnahme des Wirtschaftsministeriums, „schafft bei Bürgern kein Verständnis für deren Notwendigkeit und deren Zusammenhang mit der Energiewende“. Als Alternative könnte die Gleichstromtrasse (HGÜ) in die nördlichen Windstromregionen verlängert werden. „Die vorgebliche Kohleleitung würde so zur astreinen Energiewende-Leitung werden“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Wie astrein die Funktion einer Leitung für die Energiewende ist, bestimmen immer noch die Erzeugungskapazitäten.

Jedes Kohlekraftwerk, das einen Netzanschluss hat, schädigt das Klima, egal ob es direkt oder indirekt an der Hauptstromleitung liegt. Nicht der Beginn der Leitung ist entscheidend, sondern dass möglichst viel Windstrom damit transportiert werden kann. Dazu müssen Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Das wäre die beste Akzeptanzstrategie für eine neue Leitung, die so ganz neuen Sinn erhält. Statt neuer Etiketten für neue Leitungen braucht Deutschland das Reinheitsgebot für die Energieerzeugung: Strom aus 100 Prozent Wind, Sonne, Biomasse, Wasser und Geothermie.

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, in der Rubrik "Kurzschluss" veröffentlicht. Der Kurzschluss behandelt einmal im Monat ein energiepolitische Thema - mit Augenzwinkern.