"Gegenwind ist Energie - und der Wind dreht sich auch wieder. Dann wird aus Gegenwind Rückenwind."

© Oliver BethkeFrau Prof. Dr. Claudia Kemfert ist Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin, gefragte Expertin für Politik und Medien und Bestsellerautorin.

Frau Kemfert, welche Lehren zieht die Energiepolitik aus den aktuellen geopolitischen Krisen und warum führen sie trotzdem nicht zu einem konsequenten Bruch mit fossilen Abhängigkeiten?

Fossile Energien sind teuer und machen uns abhängig. Trotzdem reagieren wir in Krisen oft kurzfristig und verlängern genau diese Abhängigkeiten. Das ist der energiepolitische Kurzschluss: Wir stabilisieren das Problem, statt es zu lösen. Die Konsequenz muss sein: raus aus fossiler Energie, mit Erneuerbaren Energien, Energiesparen und nachhaltiger Mobilität.

Warum werden Klimaziele politisch immer wieder abgeschwächt – liegt das eher an ökonomischen Interessen, institutionellen Strukturen oder misslungener Kommunikation?

Kurzfristige Interessen dominieren zu oft die politische Debatte. Die Kosten der Transformation werden überbetont, die Risiken des Nichtstuns unterschätzt. Hinzu kommen starke fossile Interessen und Defizite in der Kommunikation. Dabei ist konsequenter Klimaschutz wirtschaftlich sinnvoll und treibt Innovationen wie Elektromobilität und Wärmepumpen voran.

Das Abregeln Erneuerbarer Energien zeigt ja vor allem ein Systemproblem. Was müsste sich beim Netzausbau konkret ändern, damit solche Ineffizienzen verschwinden?

Dass Erneuerbare Energien abgeregelt werden, ist kein Stromproblem, sondern ein Systemproblem. Es fehlt an Flexibilität: Speicher, Lastmanagement, digitale Steuerung und dezentrale Netze greifen noch nicht ausreichend ineinander. Smart Meter, Elektromobilität und Wärmepumpen können aktiv zur Systemstabilität beitragen. Ein gut abgestimmtes System nutzt Erneuerbare Energien effizient, statt sie zu verschwenden.

Halten Sie das aktuelle Ausschreibungsdesign für einen Bremsklotz? Wenn ja: Welche konkreten Änderungen hätten aus Ihrer Sicht den größten Effekt?

Das aktuelle Ausschreibungsdesign setzt oft die falschen Anreize. Es sollte stärker danach ausgerichtet sein, wann und wo Strom gebraucht wird. System- und netzdienliche Lösungen wie Speicher, flexible Verbraucher und gekoppelte Anwendungen müssen gezielt gefördert werden. So wird der Ausbau nicht nur schneller, sondern auch intelligenter.

Wo sehen Sie aktuell den größten Widerspruch zwischen dem politischen Anspruch der Energiewende und der tatsächlichen Umsetzung?

Wir setzen ambitionierte Ziele, handeln aber oft widersprüchlich. Fossile Strukturen werden weiter gestützt, während zentrale Lösungen wie Gebäudesanierung oder klimafreundliche Wärme zu langsam vorankommen. Das kostet Zeit, Geld und Vertrauen. Eine klare, konsistente Politik würde die Transformation erheblich beschleunigen.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl war für viele Menschen Ihrer Generation ein prägendes Ereignis. Hatten Sie das bei Ihrer Hinwendung zu den Erneuerbaren im Hinterkopf?

Tschernobyl war ein gesellschaftlicher Wendepunkt und hat die Risiken der Atomenergie unübersehbar gemacht. Der Atomausstieg wurde im Jahr 2000 politisch beschlossen und später – nach weiteren energiepolitischen Kurzschlüssen – endgültig vollzogen. Diese Entscheidung ist abgeschlossen. Jetzt geht es darum, die Energiezukunft konsequent erneuerbar und sicher zu gestalten.

Gerade wird über Atomenergie wieder heftig debattiert: Befürworter von SMR (Mini-Atomreaktoren) argumentieren, dass kleinere Reaktoren flexibler betrieben werden könnten und damit besser zu den Erneuerbaren passen als die herkömmlichen AKW. Warum überzeugt Sie dieses Argument nicht?

Mini-Atomkraft klingt nach einfacher Lösung, ist aber keine. Sie ist teuer, zu langsam verfügbar und bleibt risikobehaftet. Für die Energiewende zählen Tempo, Skalierbarkeit und Integration ins System. Das leisten Erneuerbare Energien und flexible Lösungen deutlich besser.

Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe, Sie tragen seit vielen Jahren zum Erkenntnisgewinn bei. Einige Argumente bemühen Sie bereits seit Jahrzehnten. Wie gehen Sie persönlich mit Rückschritten in der Energiepolitik um?

Rückschritte gehören zur Realität, auch wenn sie frustrieren. Wichtig ist, den Blick nach vorn zu behalten, denn die Richtung stimmt. Und als Norddeutsche weiß ich: Gegenwind ist Energie – und der Wind dreht sich auch wieder. Dann wird aus Gegenwind Rückenwind.

Was muss sich ändern, was würden Sie sich wünschen, damit Deutschland seine Klimaschutzziele noch erreichen kann?

Versorgungssicherheit entsteht durch ein intelligentes Zusammenspiel im gesamten System. Neben mehr Erneuerbaren Energien ist Energiesparen zentral, in der Industrie, in Gebäuden durch energetische Sanierung. Zudem sind Wärmepumpen und Elektromobilität zentral. Batteriespeicher, Lastmanagement, Smart Meter, Digitalisierung und Wasserstoff ergänzen das System. Aktuell werden oft die teuersten meist fossilen Lösungen gefördert, während die günstigsten blockiert werden. Das müssen wir dringend ändern.

Die Lösungen sind da – sie sind sauber, bezahlbar und machen uns unabhängig. Wenn wir sie konsequent nutzen, gewinnen wir Klimaschutz, Innovation und stabile Energiepreise zugleich. Die Energiewende ist keine Last, sondern die große Chance unserer Zeit. Jetzt müssen wir sie entschlossen ergreifen.