Die Menschen wurden zu wenig mitgenommen

Berlin, 28. Mai 2019 - Für eine erfolgreiche Energiewende, wie wir sie benötigen, ist die Akzeptanz der Bevölkerung essentiell, sagt Jana Liebe, Geschäftsführerin vom Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk (ThEEN) e.V. in einem Gespräch mit der Agentur für Erneuerbare Energien. Die Energiewende sei schließlich ein lernender Transformationsprozess der gesamten Gesellschaft.

Frau Liebe, Sie sind die Geschäftsführerin der Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk und haben Geographie in Dresden und Prag studiert. Was hat Sie zu diesem Studium bewegt?

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Schon seit der Kindheit interessiere ich mich für Erdkunde, so dass das Geographie-Studium nahe lag. Mir gefällt die integrative Betrachtung von physischen, biotischen und anthropogenen Sachverhalten. Im Geographiestudium wurden uns naturwissenschaftliche, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge, Theorien und Methoden vermittelt. Dieses Wissen ermöglicht mir heute als Generalist unter anderem das komplexe Thema Energiewende von verschiedenen Seiten zu verstehen, zu vermitteln und mitzugestalten.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit sehr viel mit den Erneuerbaren Energien. Wie würden Sie Ihre Rolle in der Branche beschreiben?

Meine Aufgabe und die des ThEENs ist es die regionale Energiewende in Thüringen zu gestalten. Wir haben uns bewusst für ein Kompetenznetzwerk entschieden, dass zwar politisch berät, aber den Hauptschwerpunkt seiner Aktivitäten auf unser Innovationscluster legt. Das bedeutet, wir bringen Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung zusammen, schmieden branchenübergreifend neue Allianzen und Projekte, um die Energieversorgung auf Basis von 100 Prozent erneuerbare Energien hier vor Ort bis 2040 umzusetzen. Das ist erklärtes Ziel der Landesregierung und im Thüringer Klimagesetz fixiert.

Ich bin mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Bundesländern und auf Bundeebene im regelmäßigen Kontakt und Austausch, und bringe unsere Erfahrungen ein bzw. lerne von ihnen.

Was sind Ihrer Meinung nach gerade die drängendsten drei Fragen, die sich hinsichtlich der Erneuerbaren Energien stellen?

An erster Stelle sehe ich dringend die grundlegende Überarbeitung des gesamten regulatorischen Umfeldes. Da traut sich momentan keiner ran. Wir haben in Deutschland viele kluge Köpfe, die gemeinsam eine gute Lösung finden werden. Für die jetzige Phase der Energiewende ist der bestehende Regulierungsrahmen nicht mehr tragfähig ist, Sektorenkopplung wird eher behindert als unterstützt, wichtige schwarzstartfähige saisonale Energiespeichertechnologien wie Pumpspeicher sind unwirtschaftlich, und das Abgaben- und Umlagensystem ist auf die Begünstigung fossiler Energieträger als auf Klimafreundlichkeit und CO2-Vermeidung ausgerichtet.

Zweitens ist für die erfolgreiche Energiewende die Akzeptanz der Bevölkerung essentiell. Beim Ausbau der Windenergie sieht man gerade den Protest und den Ausbaueinbruch sehr anschaulich. In dem kleinen Flächenland Thüringen gibt es 50 Bürgerinitiativen, insbesondere gegen Windenergieanlagen.

Meines Erachtens wurden die Menschen zu wenig mitgenommen, was die Energiewende konkret deutet, dass die dezentrale Produktion der Energie räumlich näher an sie heranrückt und sie auch für ihre Energieversorgung Verantwortung übernehmen müssen. Da sind wir alle gefragt, auch über die Kosten aufzuklären und weitere Partizipationsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. Die Energiewende ist Teil eines lernenden Transformationsprozesses der gesamten Gesellschaft.

Drittens sehe ich besonders großen Handlungsbedarf und derzeit noch relativ wenig Bewegung in der Dekarbonisierung des Wärmesektors und der Industrieprozesse. Da sind weitere strategische Kooperationen nötig. In Thüringen wurde kürzlich das Energieforschungsprojekt „ZO.RRO“ gestartet, das die CO2-freie Bereitstellung von Energie für Industrie und Gewerbe und deren Partizipation an der Wertschöpfung zum Ziel hat.

Wo sehen Sie die Erneuerbaren Energien im Jahr 2030?

Mindestens im vorgesehenen Ausbaukorridor. Die fortschreitenden Kostensenkungen durch die technologischen Weiterentwicklungen und Skaleneffekte sowie ein bis dahin hoffentlich umgesetzter zukunftsgerechter und klimafreundlicher regulatorischer Rahmen bieten das Potential, das der geplante Ausbaukorridor sogar überschritten wird.

Die Energy Watch Group hat zusammen mit der LUT University die Studie „Globales Energiesystem mit 100% Erneuerbaren Energien“ erarbeitet. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Studie?

Diese Studie zeigt, dass eine weltweite Umstellung des Energiesystems auf 100 Prozent erneuerbare Energien realisierbar ist und wie schon bekannt die wichtigsten Energieträger Wind- und Solarenergie sind. Ob die Energieversorgung alleinig über eine umfassende Elektrifizierung realisiert wird, ist abzuwarten. Sicher werden einfache Power-to-X-Technologien eine wesentliche Rolle spielen.

Die weltweit prognostizierten mehr als 35 Millionen Arbeitsplätze im „100% erneuerbares Stromsystem“ zeigen auf, dass es nicht nur ökologisch, sondern vor allem auch ökonomisch sinnvoll ist, das Energiesystem zu dekarbonisieren.

Seit vielen Wochen gehen auch in Deutschland Schüler*innen jeden Freitag unter dem Motto „Fridays for Future“ auf die Straße. Was würden Sie den jungen Menschen gern sagen?

„Bleibt dran, haltet den Druck auf dem Kessel, findet weitere Unterstützer und pro testiert nicht nur, sondern engagiert Euch in konkreten Projekten und der Politik.“

Ich finde es großartig und bin beeindruckt, dass die Kinder und Jugendlichen nach den meines Erachtens eher politikverdrossenen Jahren wach sind und sich mit den anstehenden Problemen des Klimawandels auseinandersetzen und sich selbst organisieren. Seit mehreren Monaten halten sie den Druck auf die Politik und Gesellschaft aufrecht, unterstützt von der gesamten „ForFuture-Bewegung“. Damit wird die Politik zum Handeln gezwungen und dieser auch die gesellschaftliche Legitimation gegeben, ambitionierter zu handeln. Ich hoffe ja immer noch auf das stärkere Nutzen der Richtlinienkompetenz unserer Bundeskanzlerin hin zu mehr Klimaschutz, ähnlich wie 2011 beim zweiten Atomausstieg.

Welche Persönlichkeiten haben Sie inspiriert – inspirieren Sie?

Bertrand Piccard. Und viele Künstler und Maler wie Van Gogh, Kandinsky, Chagall, die ihrer Zeit weit voraus waren. Von ihnen lerne ich, wie ich meinen Weg unbeirrt von Hindernissen weitergehen und hoffentlich meinen kleinen Beitrag für die Gesellschaft leisten kann.

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.

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Anika Schwalbe
Pressereferentin
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