Energie-Kommune des Monats: Geisa

Die 4.750-Einwohner*innen-Stadt Geisa liegt im thüringischen Teil des Biosphärenreservats Rhön an der Grenze zu Hessen. Vor der Wiedervereinigung war sie die westlichste Stadt der DDR, und somit des gesamten Ostblocks. Bis 1989 galt die Grenze bei Geisa als der „heißeste Punkt des Kalten Krieges“. Noch heute stehen sich auf einem 411 Meter hohen Bergrücken die Beobachtungstürme der NATO und der DDR-Grenztruppen in unmittelbarer Sichtweite gegenüber. Die Gedenkstätte Point Alpha erinnert an die Zeit der deutschen Teilung.

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Beobachtungstürme aus der Zeit des Ost-West-Konflikts an der thüringisch-hessischen Grenze bei Geisa. Quelle: Point Alpha Stiftung

Von der politischen Wende zur Energiewende

Neben dem blauen „Haus auf der Grenze“ am Point Alpha, welches die Dauerausstellung beherbergt, symbolisiert ein spiralförmiges Friedenswindspiel den „Wind of Change“ und die Friedliche Revolution im Jahr 1989. Die ineinander verschlungenen Flügel tragen die Aufschrift Frieden in deutscher, russischer und englischer Sprache. Strom erzeugt das Windrad mit Vertikalachse aber nicht. Dennoch ist die Energiewende am Point Alpha präsent.

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Auf dem Windspiel neben der Gedenkstätte Point Alpha steht das Wort „Frieden“ in drei Sprachen. Quelle: Point Alpha Stiftung

Einen kurzen Fußmarsch oberhalb, auf hessischem Boden, befindet sich das ehemalige US-Camp. Besucher*innen können hier ihr Elektroauto oder ihr E-Bike während des Aufenthalts mit Ökostrom des Energieversorgers RhönEnergie Fulda laden. Seit 2017 beteiligt sich Point Alpha zusammen mit Nachbarkommunen am „Tag der Elektromobilität“, an dem sich die Besucher*innen bei Vorträgen, Infoständen und Ausstellungen über Klimaschutz und Elektromobilität informieren können. Die Stadt Geisa selbst will ebenfalls in den Ausbau von Ladestationen investieren, stellt Bürgermeisterin Manuela Henkel in Aussicht. Um die Treibhausgase im Verkehr weiter zu reduzieren, sollen in den nächsten Jahren alle Geisaer Ortsteile an ein Radwegenetz angeschlossen werden.

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Im September 2019 fand bereits der dritte Tag der Elektromobilität auf Point Alpha statt. (Foto: RhönEnergie Fulda GmbH)

Vereinigung von Denkmal- und Klimaschutz

Die erfolgreiche Vereinigung von Geschichte und Energiewende hat der Stadt Geisa 2019 den Energieeffizienzpreis der Thüringer Energieagentur (ThEGA) eingebracht. Bereits im Jahr 2007 hatte sich Geisa das Ziel gesetzt, die Wärmeversorgung der kommunalen Gebäude auf nachhaltige Füße zu stellen. Dadurch sollten die Betriebskosten sinken und die regionale Wertschöpfung gestärkt werden. Dabei musste aber eine hohe Hürde überwunden werden: Die gemeindeeigenen Gebäude in der pittoresken Altstadt stehen unter Denkmalschutz. Sanierungen waren deshalb mit strengen Auflagen und Einschränkungen verbunden. Die Gemeinde entschied sich schließlich für den Anschluss der historischen Bauwerke an ein Wärmenetz. Bei der Wahl des Energieträgers setzte sie auf zwei effiziente und klimafreundliche Holzhackschnitzelanlagen. Diese haben eine Gesamtwärmeleistung von 650 Kilowatt und versorgen zwei getrennte Nahwärmenetze. An das erste Netz ist das gesamte Schlossplatzensemble mit dem barocken Schloss, dem Rathaus, dem Bauamt, der Anneliese Deschauer Galerie mit Stadtmuseum und der Point Alpha Akademie angeschlossen. Das zweite Netz beliefert das Kulturhaus, einen Kindergarten, ein Ärztehaus und das Haus der Vereine mit klimafreundlicher Wärme. Die Heizanlagen lassen sich durch mobile Leittechnik überwachen und steuern. Der Umstieg von fossiler Energie auf Biowärme spart pro Jahr mehr als 200 Tonnen CO2 ein. Die freiwerdenden Mittel durch die eingesparten Heizkosten wurden umgehend in mehr Klimaschutz investiert – nämlich in effiziente Straßenbeleuchtung mittels LED und in ein Energiemanagementsystem in Kooperation mit der ThEGA. Zusätzlich wurde auf dem Gebäude des Bauhofs am Rande der Altstadt eine Photovoltaikanlage installiert.

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Der Sitz der Point Alpha Stiftung im denkmalgeschützten Schloss Geisa bezieht seine Heizenergie klimafreundlich über ein Biomasse-Wärmenetz.

Das Holz für die Hackschnitzel wird aus der Region gewonnen und dient der Wertschöpfung vor Ort. „Die heimische Ressource Holz trägt nicht nur bei der Kommune, sondern auch bei vielen Bürgern dazu bei, dass Energieimporte vermieden werden, da zahlreiche Haushalte damit heizen. Weiterhin versucht die Stadt Geisa bei der Waldbewirtschaftung, soweit es die Vergabegrundsätze ermöglichen, lokale Unternehmen mit einzubinden“, betont Bürgermeisterin Manuela Henkel. Nachhaltige und klimaresiliente Waldwirtschaft ist dabei ein Kernthema der Gemeinde. „Die Stadt Geisa verfolgt den Umbau der Wälder weg von Monokulturen und Fichtenbeständen hin zu nachhaltigen Mischkulturen mit Laubbäumen mit einer Durchmischung von Nadelbäumen wie der Tanne, die tiefwurzelnder ist und die veränderten klimatischen Bedingungen besser verträgt.“

Ein weiterer Meilenstein soll der Bau eines Gasnetzes im Geisaer Gewerbegebiet werden. Bisher hatte die Kommune, genau wie große Teile der thüringischen, bayerischen und hessischen Rhön, keinen Zugang zur öffentlichen Gasinfrastruktur. So war man größtenteils abhängig von Öl als Wärmelieferant. Der Blick ist beim Umstieg auf Erdgas auch auf die Zukunft gerichtet. „Das vorgesehene Netz kann zukünftig auch mit Wasserstoff gespeist werden und ist ebenfalls für den Betrieb von Brennstoffzellen geeignet“, erläutert Henkel die langfristigen Ziele der Stadt.

 Fotos: Point Alpha Stiftung; RhönEnergie Fulda GmbH