"Am Ende sind fossile und nukleare Energiequellen für keine Volkswirtschaft der Welt eine preiswerte Lösung."

Herr Mann, ursprünglich sollten zum 31.12. die letzten drei AKWs vom Netz gehen, nun hat die Bundesregierung beschlossen, sie aufgrund der aktuellen Umstände bis April am Netz zu lassen. Wie blicken Sie auf diese Debatte - glauben Sie, dass ab Ostern die Atomfrage in Deutschland endgültig geklärt ist?

Ich halte die aktuelle Entscheidung der Bundesregierung für richtig dosiert, auch wenn ich hier als Atomkraftgegner ganz schön schlucken muss. Leider befürchte ich, dass die Diskussion an Ostern noch nicht vorbei ist. Der schleunige Ausbau der Erneuerbaren Energien und die dringende Notwendigkeit von einer Integration der E-Mobilität durch bidirektionales Laden hinkt leider dem Bedarf hinterher.

Verquer ist auch der Gedanke von den Atomkraft-Klatschern, dass man mit dem Strom unabhängiger werden könnte. Russland liefert auch hier einen wesentlichen Teil vom europäischen Brennstoffbedarf. Was die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten angeht, müssen weder Wind oder Sonne noch Biomasse den Wettbewerb scheuen. Am Ende sind fossile und nukleare Energiequellen für keine Volkswirtschaft der Welt eine preiswerte Lösung.

Sie kommen aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie. Was mit einer Drechslerei begann, zog neue Unternehmensansätze und -erweiterungen nach sich. Seit Mitte der 1990er stehen Sie in Ihrer Unternehmensgeschichte für die Erneuerbaren Energien und Ihr Bruder für Spedition und Logistik. Angefangen hat das aber schon 1991, richtig?

Der erste Golfkrieg Ende der 1980er bewegte mich während meines Studiums in Bremen. Mit geliehenem Geld vom Vater und der örtlichen Volksbank durfte ich im April 1991 meine erste 150-Kilowatt-Windkraftanlage (WKA) einweihen. Kritiker lächelten das Windrad weg und meinten: „Der MANN hat noch nix vom Growian gehört! In spätestens zehn Jahren fliegt das Ding um!“
Die Anlage läuft nun im 32. Jahr und ich habe eine Laufzeitverlängerung auf 50 Jahre verordnet!

Waren alle so skeptisch?

Das war noch die Zeit, wo große Feste gefeiert wurden! Es war die erste kommerzielle Windkraftanlage für Rheinland-Pfalz und es kamen neben der örtlichen Politik sogar zwei Umweltminister (Rheinland-Pfalz + Partnerland Thüringen). Ganz Langenbach und die umliegenden Gemeinden waren zum Fest gekommen und es wurde gefeiert und geschaut, was der „Spinner“ da wohl aufgestellt hat. Der verantwortliche Vertreter vom Energieversorgungsunternehmen (EVU) näherte sich der Anlage nur mit Helm!

Wie lang hat die Genehmigung damals gedauert?


Nach dem Bauantrag vom 29.01.1991 erhielten wir die Teilbaugenehmigung am 21.02.1991 und die Genehmigung am 09.04.1991. Die Inbetriebnahme war dann am 14.04.1991. Insgesamt hat die Genehmigung 3 DIN A4 Seiten und die Kosten der Genehmigung lagen bei 5.544,00 DM.

Das kann man sich schon gar nicht mehr vorstellen. Wie sieht das heute bei Ihnen aus?

Wir haben für eine Repowering Anlage, die wir mit der von mir initiierten Wäller Energiegenossenschaft eG errichtet haben, vier Alt-WKA mit insgesamt 800 KW komplett zurückgebaut und eine neue 3,2 Megawatt Windkraftanlage errichtet. Die Genehmigungsdauer war sieben Jahre bei einer Gebührenhöhe von 163.000 Euro und 61 DIN A4 Seiten des Bescheides.

Das Wort des Jahres ist „Zeitenwende“ geworden und wir werden dieses Wort immer auch mit dem 24. Februar 2022 in Verbindung bringen. Was ging in Ihnen vor, als wieder ein Krieg auf dem europäischen Kontinent begann?

Ich war fassungslos, obwohl gerade mal vier Tage zuvor am 21.01.2022 im Handelsblatt ein spannender Artikel unter der Überschrift „Weltrisiko Putin“ erschien, war das für mich unglaublich. Ich selbst habe noch Wehrdienst geleistet und so manche Übung in Kälte und Nässe erlebt. Unglaublich, was die Soldaten vor Ort und die Zivilisten nun erleiden müssen, weil ein Gernegroß Weltgeschichte schreiben möchte und das Rechtsempfinden verloren hat. Das macht mich wütend, denn Klimawandel, Ernährungskrise und Biodiversitätsverlust sind ja schon genügend Aufgaben, die einen klaren Verstand brauchen.  

Im 1. Golfkrieg ging es immer auch um Öl, beim Angriffskrieg auf die Ukraine geht es nicht um Gas, aber es wird als Druckmittel eingesetzt. Wird dies zu einem langfristigen Umdenken der Bevölkerung und der Politik hinsichtlich der genutzten Energie führen?

Aus dieser Situation schöpfe ich große Hoffnung. Kürzlich wurde vermeldet, dass dieses Jahr ca. 220.000 Heimspeicher in privaten Wohnhäusern installiert wurden: mehr als doppelt so viel wie 2021. Einen Heimspeicher installiert man im Gegensatz zu einer Heizungsanlage, weil man es will und nicht weil man es muss. Da scheint es klick gemacht zu haben und das Speichervolumen alleine aus diesen Batterien hat die Stromspeicherkapazität in Deutschland um ca. 5,5 Prozent = 2,2 Gigawattstunden (GWh) erhöht. Wenn es jetzt auch noch bei der E-Mobilität durch die Einführung vom bidirektionalen Laden einen Doppelklick macht, geht die Post ab. Wenn nur eine Million PKWs an einer elf Kilowatt Wallbox bidirektional arbeiten, dann reden wir von elf starken Atomkraftwerken und einer Batteriekapazität in unseren „Stehzeugen“ die mehr als 60 GWh an Bord haben können. 

Wie kann dieses Umdenken genutzt werden?

Am Ende geht es bei den meisten Entscheidern nur ums Geld. Während Schulklassen unserer Region im Jahr der Energie- und Klimakrise deren Ausflug zum Diktator in die Türkei durchführen - „es war halt das günstigste Angebot“ - wunderte ich mich dieser Tage, dass in einem Schulzentrum wieder die Ölheizung lief anstelle der installierten Pelletheizung. Hier wurde rein danach entschieden, dass am Tag des Brennstoffkaufes die Pellets einen Schnaps teurer waren als eine Komplettladung Heizöl. Über 20 Jahre waren Pellets im Mittel 30 Prozent günstiger als Heizöl und dann wird so kurzschlussartig entschieden. Das enttäuscht mich. CO2 braucht den Preis, den es die Volkswirtschaft kostet. Laut Umweltbundesamt (UBA) lagen die gesellschaftlichen Kosten der Umweltbelastung für 2021 bei immerhin 201 Euro. Da erscheinen die erhobenen 25 Euro pro Tonne lächerlich.

Sie haben eine Pellettankstelle ins Leben gerufen, bei der man sich selbst seine Pellets abholen kann, und dafür den Heat-Award erhalten. Im Schweizer Feriendorf Anzère war Mann Energie maßgeblich an der Errichtung und Inbetriebnahme der größten Pellet-Zentralheizung Europas (außerhalb von Skandinavien) beteiligt. 2021 ging eine Großbatterie mit Second-life-Hybrid-PKW-Batterien auf Ihrem Firmenareal in Betrieb. Brauchen wir mehr Mut und Erfindungsreichtum für unser Energiesystem der Zukunft?

Ja und man sollte die Mutigen nicht ständig ausbremsen. Diejenigen in Deutschland, die das Wissen und die Fähigkeit zum Ausbau von erneuerbaren Energien haben, sollen nun abgeschöpft werden. Kohle- und Atomkraftwerke haben keine Abschöpfungsregelung, das Biomasseheizkraftwerk aber schon. Ich hätte dem Betreiber von EE-Anlagen eine Abschöpfung angedroht, wenn nicht innerhalb von fünf Jahren reinvestiert wird.

Das Interview führte Anika Schwalbe

Das Gespräch entstand im Rahmen der Atomausstiegskampagne „Erneuerbar statt atomar“.

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