Machen Biokraftstoffe die Lebensmittel teuer?

Nur ein Bruchteil der weltweit produzierten Agrargüter wird bisher als Bioenergie genutzt. Trotzdem sind die Weltpreise für Getreide wie z.B. Weizen und Mais in die Höhe geschnellt. Der Grund: Ernten sind wegen extremer Dürren ausgefallen. Die Lagerbestände der großen Agrarhändler sind gleichzeitig sehr niedrig. Außerdem: Immer mehr Menschen, vor allem in den asiatischen Wachstumsregionen, wollen mehr Fleisch- und Milchprodukte konsumieren.

Das führt zu einem überproportional starken Verbrauch von Getreide und Ölsaaten als Futtermittel. Ergebnis: Die Preise steigen. Weltweit lohnt es sich für Landwirte damit wieder, in den Anbau zu investieren und brachliegende Flächen zu bestellen. Da die Landwirte in den vergangenen Jahren oft nur sehr niedrige Erlöse für ihre Produkte erzielten, wurde in vielen Regionen der Erde die landwirtschaftliche Produktion aufgegeben und nicht ausreichend investiert.


Bewegungen auf den Weltagrarmärkten verursachen unabhängig von der Bioenergie Preisanstiege für Lebensmittel

Nutzungskonkurrenzen für Biomasse – für Nahrungsmittel, Futtermittel oder eine energetische Nutzung hat es in der Landwirtschaft immer gegeben. Eine steigende Nachfrage nach Biomasse für Biokraftstoffe kann direkt oder indirekt auch zur Verknappung des Angebotes von Nahrungs- und Futtermittel führen. Im Zweifel hat die Nahrungsproduktion immer Vorrang: Food first!

Angesichts ausreichender Flächen- und Biomassepotenziale muss es jedoch keine Konkurrenz zwischen Nahrungsmittelproduktion und energetischer Nutzung von Biomasse geben. Wir müssen uns nicht zwischen „Tank oder Teller“ entscheiden. Wir können beides haben – wenn vorhandene Potenziale gezielt erschlossen und nachhaltig genutzt werden.

Biokraftstoffe machen weder Lebensmittel unerschwinglich, noch droht durch ihren Ausbau eine globale Versorgungskrise. Steigende Verbraucherpreise sind aktuell hauptsächlich auf die weltweit steigende Nachfrage nach Agrarrohstoffen bei gleichzeitig schlechteren Ernten – verursacht durch Klimaextreme (Australien, Nordamerika, Osteuropa) – und niedrigen Vorratsbeständen zurückzuführen.

Der vermehrte Konsum von Fleisch- und Milchprodukten von immer mehr Menschen in stark wachsenden Weltregionen insbesondere Asiens führt ferner zu einem überproportional starken Verbrauch von Getreide- und Ölsaaten als Futtermittel.

Das derzeit begrenzte Agrarrohstoffangebot hält die Weltmarktpreise daher weiter auf hohem Niveau. Trotz steigender Preise ist als Reaktion darauf jedoch wegen der gestiegenen Kaufkraft in den Wachstumsregionen kein Rückgang der Nachfrage zu beobachten, so dass die Lage auf den Weltagrarmärkten vorerst angespannt bleiben wird.

Steigt infolge höherer Rohölpreise und ehrgeiziger Ausbauziele die Nachfrage nach energetisch zu nutzender Biomasse, können jedoch die brachliegenden Flächenpotenziale durch verstärkte Investitionen und gezielte politische Steuerung mobilisiert werden.

Flächen, die für den Anbau von Agrarrohstoffen zur energetischen Nutzung erschlossen werden, sind jedoch weder für die Nahrungsmittelproduktion „verloren“, noch tragen sie zwangsläufig zu einer Verknappung der Agrarrohstoffe zur Nahrungsproduktion bei, im Gegenteil: Bei Agrarrohstoffen wie Mais oder Getreide gibt es eine Flexibilität zwischen ihrer Verwertung für Energie oder Nahrung.

Ein Ende der politischen Förderung der Bioenergie wiederum könnte die steigenden Weltmarktpreise für Nahrungs- und Futtermittel auch nicht bremsen. Die nötigen Instrumente zur Steuerung eines nachhaltigen Ausbaus der Bioenergie würden damit aufgegeben.

Biokraftstoffe und Bioenergie als Sündenbock.

Die Getreidepreise auf den Weltmärkten sollten allerdings nicht mit dem Brotpreis beim Bäcker nebenan verwechselt werden. Der Kostenanteil des Rohstoffs Getreide am Preis für das Endprodukt Brot ist sehr gering (3,6%).

Das Getreide macht bei einem Brotpreis von 2 Euro weniger als 10 Cent aus. Wichtiger sind andere Kosten wie z.B. Löhne, Weiterverarbeitung und Steuern. Der Brotpreis ist in der Vergangenheit stärker gestiegen als der Getreidepreis.

Biokraftstoffe und Bioenergie werden teilweise auch von der Nahrungsmittelindustrie als Sündenbock für Preiserhöhungen vorgeschoben, z.B. für gestiegene Bierpreise. Der Kostenanteil von Braugerste an einer Flasche Bier liegt nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) bei nur ca. 1 Cent. Zwar sind die Interdependenzen und Einflussgrößen bei der Preisbildung äußerst komplex, doch ist offensichtlich, dass selbst bei einer massiven Verknappung von Braugerste die Weitergabe dieser gestiegenen Kosten allenfalls sehr schwache Preisanhebungen beim Bier verursachen dürfte.

Anteil Agrarrohstoffpreise an Endverbraucherpreisen

Braugerste/Kiste Bier

ca. 2 – 4 %

Brotgetreide/Brot

ca. 1 – 5 %


Die EU-Kommission erwartet, dass im Zusammenhang mit den EU-Ausbauzielen für Bioenergie die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe in der EU um 3 – 6 % für Getreide und um 5 – 18 % für die wichtigsten Ölsaaten steigen werden. Marian Fischer-Boel, EU-Agrar-Kommissarin, weist jedoch darauf hin, dass die Preise dieser Rohstoffe die Nahrungsmittelpreise nur zu einem sehr kleinen Teil beeinflussen. Die Kosten von Brot hängen beispielsweise nur zu 1 – 5 % vom Getreidepreis ab. Zu erwarten wäre ein kaum ins Gewicht fallender Anstieg der Brotpreise um ca. 1 %. 

Nur ein Bruchteil der Weltgetreideernte (5%) wird für Biokraftstoffe genutzt. In Europa wird der größte Teil der Getreideernte (58%) als Tierfutter verwertet, nur 1,6% der europäischen Getreideernte wird zu Bioethanol verarbeitet.

Preisanstiege in den Industrieländern bieten Chancen für die Landwirtschaft in Nord und Süd.

Bauern in Schwellen- und Entwicklungsländern können wieder wirtschaftlich produzieren und in den nachhaltigen Anbau von Nahrungsmitteln oder auch Energiepflanzen einsteigen, wenn

- höhere Preise für Agrarrohstoffe erzielt werden und

- Entwicklungs- und Schwellenländer vor Dumpingexporten aus Industriestaaten geschützt bleiben

Viele Kleinbauern in Entwicklungsländern haben unter dem Druck niedriger Weltmarktpreise und mangelnder Rentabilität jedoch in den vergangenen Jahren aufgegeben, sind in die Metropolen abgewandert. Der Einstieg in die nachhaltige Nutzung der Bioenergie bietet nun die Chance einer Trendwende:

- Die Produktion von Strom, Wärme und Treibstoffen schafft ein zweites wirtschaftliches Standbein für Landwirte.

- Die Abhängigkeit von teuren fossilen Energieträgern wird reduziert.

- In Entwicklungsländern bietet Bioenergie die kostengünstige dezentrale Energieversorgung, die für alle weiteren gesellschaftlichen und ökonomischen Aktivitäten unerlässlich ist.

- In den ärmsten Ländern, die traditionelle Biomasse (z.B. Dung, Holz) ineffizient nutzen, kann die Versorgung modernisiert und der Raubbau (Brennholz) gebremst werden.

Gleichzeitig könnten somit auch die Armut auf dem Land und die Abwanderung in die Städte reduziert werden.

Bioenergie bietet somit weltweit eine große Chance zur Stärkung der kleinbäuerlichen Strukturen: Jacques Diouf, Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, hält eine Renaissance der Landwirtschaft durch Bioenergienutzung in den ärmsten Entwicklungsländern für möglich. Bioenergie kann die kostengünstige Energieversorgung gewährleisten, die bislang fehlt. Die Entwicklung angepasster Technologien eröffnet ebenso Wertschöpfungseffekte in diesen Regionen, die einer nutzunabhängigen Energieversorgung, insbesondere für Elektrizität und Kühlung bedürfen.

„Tortilla-Krise“ in Mexiko

In Mexiko ist nach dem NAFTA-Freihandelsabkommen von 1994 die heimische Nachfrage nach Mais stärker als die heimische Maisernte gewachsen. 2007 war Mexiko beim Grundnahrungsmittel Mais zu rund einem Drittel von US-amerikanischen Importen abhängig. Die Preisanstiege für Getreide auf den Weltmärkten – verursacht u.a. durch die Nachfrage nach Bioethanol in den USA - wirkten sich damit umso massiver aus. Am stärksten war die arme städtische Bevölkerung betroffen, bei denen der Anteil der Nahrungsmittelausgaben am Einkommen überproportional hoch ist. Eine strukturell stärkere landwirtschaftliche Produktion bei geringerer Importabhängigkeit Mexikos könnte zukünftige Preissteigerungen dämpfen.

Durch die stärkere Nachfrage nach z.B. Getreide und Raps erzielen Landwirte auch in den Industrieländern höhere Preise für ihre Güter. Als Produzenten von Strom, Wärme und Treibstoffen stärken sie ihren Betrieb und die regionale Wertschöpfung: Statt die Energierechnung bei russischen Erdgas-Konzernen und arabischen Ölscheichs zu bezahlen, bleiben die Ausgaben für Energie nun in der Region. Werden lokale Synergien erschlossen und Kreisläufe geschlossen, kann die Nutzung von Bioenergie zum Motor der ländlichen Entwicklung werden und können gleichzeitig Energiekosten deutlich gesenkt werden. Es ist ein insgesamt positives Investitionsklima entstanden – die Landwirtschaft als regionaler Wirtschaftsfaktor gewinnt in Verbindung mit der Nutzung von Bioenergie weiter an Bedeutung.

Der Landwirt würde als „Energiewirt“ wieder die ihm angemessene gesamtwirtschaftliche Bedeutung erlangen.

Quellen

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Globale Ernährungssicherung durch nachhaltige Entwicklung und Agrarwirtschaft. Positionspapier. Berlin, Mai 2008.

Centrum für Energietechnologie Brandenburg (CEBra): Bioenergie am Scheideweg. Tagungsband. Cottbus 2007. 

Deutscher Bauernverband: Situationsbericht Landwirtschaft 2008. Berlin 2008.

EU Commission, DG Agriculture and regional development: The impact of a minimum 10% obligation for biofuel use in the EU-27 in 2020 on agricultural markets. Impact assessment Renewable Energy Roadmap March 2007. Brüssel 2007.

Gerald Knauf u.a.: The Challenge of Sustainable Bioenergy: Balancing climate protection, biodiversity and development policy. CURES Discussion Paper. Bonn 2007.

International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development: Synthesis Report. Johannesburg 2008.

Kaltschmitt, Martin: Fragenkatalog zur Anhörung Bioenergie/Ressourcenkonkurrenz. Anhörung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages, 12. November 2007.

OECD/FAO: Agricultural Outlook 2007-2016. Paris 2007.

Öko-Institut u.a.: Stoffstromanalyse zur nachhaltigen energetischen Nutzung von Biomasse. Endbericht. Verbundprojekt gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Darmstadt 2004.

Rifkin, Jeremy: Der Wahnsinn mit den Rindern. In: Süddeutsche Zeitung, 04. August 2008 (http://www.sueddeutsche.de/wissen/902/304874/text).

Statistisches Bundesamt: Landwirtschaft in Deutschland und der Europäischen Union 2006. Wiesbaden 2006.

Toepfer International (Hg.): Marktbericht, Oktober 2007.

Vigna, Anne: Böses Erwachen in Mexiko. In: Le Monde diplomatique, März 2008 (http://www.monde-diplomatique.de/pm/.dossier/hunger_artikel.id,20080314a0057).

Wuppertal Institut: What we know and what we should know towards a sustainable biomass strategy. Discussion Paper. Wuppertal 2007.

Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) (http://www.zmp.de)