Viele Argumente für die kommunale Wärmewende

Mit dem Klimavertrag von Paris im Dezember 2015 wurde nicht weniger als die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft beschlossen. In der Konsequenz bedeutet das, die Energiewirtschaft beschleunigt umzubauen, weg von Kohle und Öl hin zu Erneuerbaren Energien. Auch die Wärmeerzeugung muss und kann zukünftig ohne fossile Energieträger auskommen. Auf diesem Weg kommt Kommunen eine Schlüsselrolle zu. Kommunen können als planende und zusammenführende Instanz Aufgaben der Daseinsvorsorge gerecht werden und Vorbildfunktion übernehmen. Die vorliegende Broschüre fasst die wichtigsten Argumente für den Umstieg auf eine Wärmeversorgung auf Basis von Bioenergie oder anderer regenerativer Quellen übersichtlich zusammen. Sie bietet eine Argumentationshilfe für all jene, die sich auf kommunaler Ebene für den Umstieg auf regenerative Wärmequellen einsetzen, also z.B. Kommunalvertreter, Energiegenossenschaften oder Bürger und Betriebe.

Der Text führt die wichtigsten Argumente für die kommunale Wärmeversorgung auf. Er ist dem Leitfaden "Argumente für die kommunale Wärmewende" entnommen, den die AEE im Juli 2016 veröffentlicht hat. Der Leitfaden kann auch kostenlos im AEE-Shop bestellt werden.

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Klimaschutz nicht ohne Wärmewende

Heute basieren rund 80 Prozent der zentralen Heizsysteme auf Verbrennungstechnologien. Da der Großteil der Wärmeversorgung in Deutschland immer noch vorwiegend mit fossilen Brennstoffen gedeckt wird, ist der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) beträchtlich. Der Wärmemarkt (Raumwärme, Warmwasser, Prozesswärme) insgesamt hat einen Anteil von rund 40 Prozent an den energiebedingten CO2-Emissionen. Die Klimaziele der Bundesregierung lassen sich nur mit der Wärmewende erreichen. Um die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken, ist ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand avisiert. In Zukunft sollen die Gebäude nur noch einen sehr geringen Energiebedarf aufweisen und der verbleibende Verbrauch überwiegend durch Erneuerbare Energien gedeckt werden. Der effizienten Wärmezuführung im Gebäudebestand auf Basis regenerativer Quellen muss dafür künftig ein größeres Augenmerk zukommen. Denn: Der Gebäudebestand im Jahr 2050 wird zu rund 83 Prozent vom heutigen Gebäudebestand determiniert sein.

Nur Erneuerbare Energien sind in der Lage, den Wärmebedarf eines Gebäudes annähernd klimaneutral zu decken. Heizsysteme auf Basis von Bioenergie, Solarthermie oder Erd- bzw. Umweltwärme sind ihren fossilen Mitbewerbern in puncto Treibhausgas-Emissionen deutlich überlegen. Das gilt auch bei Berücksichtigung der Vorkette (Energieeinsatz für Anlagenherstellung und ggf. Brennstoffproduktion) und selbst dann, wenn man für den Strom, der von Wärmepumpen benötigt wird, den heutigen deutschen Strommix mit seinem hohen Anteil an Kohlestrom zur Berechnung heranzieht. Noch besser fällt die Bilanz aus, wenn für die Produktion der Anlagen und als Hilfsenergie der Heizsysteme ausschließlich Ökostrom eingesetzt wird.

Veraltete Heiztechnik erzeugt Handlungsbedarf

Fast 40 Prozent beträgt der Anteil des Gebäudesektors am Energieverbauch in Deutschland, 85 Prozent davon gehen auf das Konto von Heizung und Warmwasseraufbereitung. Dieser hohe Anteil ergibt sich auch, weil die heutige objektbezogene Wärmeversorgung über Einzelfeuerungsanlagen im höchsten Maße ineffizient ist: Der Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks (ZIV) und der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) gehen davon aus, dass rund 70 Prozent der 20,7 Millionen Heizungen in Deutschland nicht dem Stand der Technik entsprechen. Investitionen im Heizungskeller sind überfällig. Doch bisher findet der Technologieumstieg nur unzureichend statt: Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Wärmeverbrauch lag im Jahr 2015 bei nur 13,2 Prozent. Um die Klimaziele zu erreichen, ist ein Ausbau Erneuerbarer Energien notwendig.

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Die Kommunen als Initiatorin und Vorbild für die Wärmewende

Für die Wärmewende sind Privathaushalte von besonderer Bedeutung, schließlich entfällt auf sie nahezu die Hälfte des Wärmeenergiebedarfs. Dafür kommt Kommunen eine entscheidende Rolle zu: Der großvolumige Einsatz Erneuerbarer Energien für die Wärmeversorgung erfordert in vielen Kommunen eine Umstellung auf netzgebundene Wärmeversorgung. Dabei ist eine strategische Wärmeplanung notwendig, die die gegebenen Optionen beleuchtet und Maßnahmen für Stadtteile, Quartiere und Einzelgebäude ableitet. Denn je größer das zu versorgende Gebiet ist, umso langfristiger muss die Planung ausgerichtet sein. Während die Wärmeversorgung von Einzelgebäuden Investitionszyklen von 15 bis 20 Jahren kennt, belaufen sie sich bei Wärmenetzen auf 30 und mehr Jahre. Die Kommune wird beim Aufstellen von Wärmeplänen zur koordinierenden, fördernden und fordernden Instanz, die initiiert und den Prozess moderiert.

Kommunen verfügen über einen Gebäudebestand von rund 300.000 Gebäuden, der neben Wohngebäuden vor allem auch Nichtwohngebäude wie Schulen und Bildungseinrichtungen umfasst. Zum Vergleich: Der deutsche Gebäudebestand insgesamt beläuft sich auf rund 18 Millionen Wohngebäude und 1,5 Millionen Nichtwohngebäude. Die Bedeutung von Energiespar- und Klimaschutzmaßnahmen im Bereich kommunaler Gebäude liegt vor dem Hintergrund dieser Zahlen nicht nur in der Funktion der Kommune als Energieverbraucherin, sondern insbesondere in ihrer Rolle als Vorreiterin und Multiplikatorin gegenüber Bürgern und Unternehmen. In der Öffentlichkeit wird die Glaubwürdigkeit einer kommunalen Klimaschutzpolitik oft an der Umsetzung in den eigenen Liegenschaften gemessen.

Die Sozialgesetzgebung bestimmt, dass die Kommunen die Heizkosten aller Hartz-IV-Empfänger, soweit sie angemessen sind, in voller Höhe tragen müssen. Die Kosten für Wärme beeinflussen somit also auch die finanzielle Leistungsfähigkeit der Kommunen. Diese können also langfristig sparen, wenn vor Ort in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien investiert wird.

Mehr regionale Wertschöpfung durch Erneuerbare Wärme

Der dezentrale Ausbau der Erneuerbaren Energien generiert Steuereinnahmen in den Kommunen, schafft Arbeitsplätze und verbessert somit die Kaufkraft in der Region. „Kommunale Wertschöpfung“ heißt das Schlagwort, das diese Vorteile der dezentralen Energiewende umschreibt. In Deutschland hat Wärme aus regenerativen Quellen im Jahr 2012 rund eine Milliarde Euro generiert. Kommunale Wertschöpfung wird von Experten in zwei Bereiche geteilt: Der erste beinhaltet die vermiedenen Kosten durch Erneuerbare Energien, welche indirekt Auswirkung auf die steigende Kaufkraft innerhalb einer Region haben können. Der zweite Bereich betrifft dann die eigentliche Wertschöpfung. Hier geht es um die getätigten Investitionen, die dann regionalökonomische Auswirkungen haben.

Vor allem der ländliche Raum ist Nutznießer des dezentralen Ausbaus, denn hier stehen genügend Flächen zur Verfügung, etwa für den Anbau von Energiepflanzen oder zur Erzeugung von Energieholz aus Wald und Landschaftspflege. Die ländlichen Strukturen bzw. Stadt-Land-Partnerschaften bieten vielerorts auch die Möglichkeit, Nahwärmenetze gemeinschaftlich zu verlegen. Besonders vorteilhaft ist dies, wenn industrielle Abwärme oder die Wärme aus dem Blockheizkraftwerk einer Biogasanlage genutzt werden können. Die Investitionen, welche im ländlichen Raum getätigt werden, sorgen für positive wirtschaftliche Effekte und stärken regionale Wirtschaftskreisläufe.

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Ein Ausweg aus der Importabhängigkeit fossiler Rohstoffe

Die Energieversorgung in Deutschland basiert heute noch zu rund 70 Prozent auf Brennstoffimporten: 2014 stammten rund 88 Prozent des Erdgases, 99 Prozent des Rohöls und 86 Prozent der Steinkohle aus dem Ausland. Uran wird zu 100 Prozent importiert. Damit ist Deutschland stark von einigen wenigen Anbieterstaaten abhängig. Je mehr Energie im Inland aus regenerativen Quellen erzeugt wird, desto weniger fossile Energieträger müssen importiert werden. 2014 betrug die Einsparung fossiler Energieträger durch die Nutzung Erneuerbarer Energien im Bereich Wärme knapp 149 Milliarden Kilowattstunden. Dank Erneuerbaren konnte Deutschland im Jahr 2014 auf den Import von fossilen Energieträgern im Wert von 8,76 Milliarden Euro verzichten. Für die Bürger des Ortsteils Schönstadt in der hessischen Gemeinde Cölbe sieht die Bilanz dank Erneuerbarer Energie so aus: Das 2012 genossenschaftlich von den Bürgern errichtete Biomasse-Heizkraftwerk ersetzt jährlich 600.000 Liter Heizöl und 150.000 Kilowattstunden Nachtspeicherstrom. Die Kraft-Wärme-Kopplungsanlage versorgt über ein insgesamt dreizehn Kilometer langes Leitungsnetz drei Viertel der Schönstädter mit klimafreundlicher Wärme aus Holz. Im Vergleich zu Öl oder Gas hat die Holzwärme einen verlässlichen Preis, eine positive ökologische Bilanz und bedeutet eine erhebliche Wertschöpfung vor Ort.

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Erneuerbare Wärme: Gefördert und gefordert

Um den Anteil erneuerbarer Wärme zu erhöhen, fördert und fordert die Bundesregierung die Nutzung Erneuerbarer Energien für die Wärmeversorgung. Sie nutzt dafür derzeit mehrere Instrumente: Zum einen fördert sie seit dem Jahr 2000 im Rahmen des Marktanreizprogramms (MAP) den Einsatz Erneuerbare-Energien-Heizungsanlagen vor allem in Bestandsgebäuden mit finanziellen Zuschüssen und/oder zinsgünstigen Krediten. Zum anderen regelt seit 2009 das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG), dass ein gewisser Mindestanteil der Wärmeversorgung bei Neubauten durch Erneuerbare Energien zu erfolgen hat. Weiterhin ist seit 2016 auch die Energieeinsparverordnung (EnEV) für Erneuerbare-Energien-Wärmeanlagen relevant: Neubauten können die höchsten Energieeffizienzklassen A und A+ nur noch erreichen, wenn sie regenerative Quellen nutzen, um Wärme zu erzeugen.

Auch in einzelnen Bundesländern wird die Wärmewende unterstützt. Ordnungsrechtliche Vorgaben macht z.B. das Erneuerbare-Wärme-Gesetz Baden-Württemberg, Förderung von Wärmenetzen gibt es u.a. in Mecklenburg-Vorpommern. In Bayern und Schleswig-Holstein setzt man außerdem auf Informationsangebote und flankierende Maßnahmen. Grundlage sind die Ziele der einzelnen Bundesländer für Klimaschutz und den Ausbau Erneuerbarer Energien im Wärmebereich. Eine Übersicht darüber gibt die Datenbank www.foederal-erneuerbar.de.

Planbarkeit der Wärmekosten

Die Heizungsanlagen, aber auch Fenster und Wärmedämmung von Schulgebäuden, Sportstätten oder Rathäusern, sind häufig nicht auf dem Stand der Technik und verursachen so einen hohen Energieverbrauch und eine schlechte Klimabilanz. Durch verändertes Verhalten der Gebäudenutzer, aber auch durch investive Maßnahmen können Einsparungen erzielt werden, die sich positiv auf die Haushaltslage und für den Klimaschutz auswirken. Allerdings lohnen sich Investitionen in die Sanierung und in neue Wärmeerzeugungsanlagen ökonomisch erst mittel- bis langfristig und belasten den aktuellen Haushalt. Sie werden daher von Bürgermeistern, Gemeinderäten und Kämmerern nicht selten aufgrund einer angespannten Haushaltslage vermieden.

Bei Wärmeerzeugungsanlagen auf Basis Erneuerbarer Energien kommt hinzu, dass sie üblicherweise in der Anschaffung teurer sind als herkömmliche Anlagen für fossile Brennstoffe. Allerdings sind sie im laufenden Betrieb günstiger, womit die höheren Investitionskosten über die gesamte Betriebsdauer ausgeglichen werden und insgesamt geringere Wärmegestehungskosten zu erzielen sind. Für den Kostenvergleich ist außerdem wesentlich, dass die Kostenentwicklung von Wärmeerzeugungsanlagen auf Basis Erneuerbarer Energien im Vergleich zu einer rohstoffbasierten Energieversorgung langfristig wesentlich besser kalkulierbar ist, da sie überwiegend durch technologische Entwicklungen und den erforderlichen Kapitaleinsatz beeinflusst wird.

Im direkten Vergleich von Heizungssystemen, basierend auf endlichen und unendlichen Ressourcen, müssen nicht nur die Investitionskosten, sondern auch die laufenden Kosten für Brennstoffe, Wartung und eventuelle Reparaturen berücksichtigt werden. Je stärker die Betriebskosten für konventionelle Heizungsanlagen wie Erdgas- und Heizölkessel steigen, desto schneller kann sich der Umstieg auf eine Heizungsanlage, die Erneuerbare Energien nutzt, amortisieren. Denn: Die Betriebskosten liegen bei Wärmeerzeugungsanlagen auf Basis von regenerativen Quellen günstiger. Bei Solarthermieanlagen fallen Brennstoffkosten weg. Für Wärmepumpen wird ebenfalls kein Brennstoff benötigt. Zwar fallen hier Stromkosten an, aber nur für einen Teil der Wärmeleistung. Biomasseheizungen benötigen Brennstoff. Dabei handelt es sich hier um nachwachsende, meist heimische Rohstoffe, deren heizwertbezogener Preis bisher in der Regel niedriger als der Ölpreis war und nie so volatil.

In Deutschland hat sich der Einfuhrpreis für Rohöl zwischen 2000 und 2014 verdoppelt. 2014 lag der Preis bei rund 110 US-Dollar für ein Barrel (159 Liter) Erdöl der Sorte Brent. Ab Mitte 2014 bis Anfang 2016 gab es einen massiven Preisverfall. Seit dem Tiefststand Anfang 2016 stieg der Ölpreis wieder um rund 50 Prozent. Diese Entwicklung zeigt deutlich die Volatilität der Preise fossiler Energieträger. Experten gehen davon aus, dass Preisschwankungen bei fossilen Ressourcen zukünftig zunehmen werden. Erneuerbare Energien geben den Kommunen also bessere Planungssicherheit und mehr Kostenstabilität bei den Energieausgaben.

Technisch bieten sich viele Möglichkeiten, ein Bestandsgebäude auf eine Heizungsanlage auf Basis Erneuerbarer Energien umzustellen. Bei der Planung sind Kosten und die Einsparung von Treibhausgasemissionen wichtige Faktoren. Beim Heizkostenvergleich werden dabei nicht nur die Kosten für die Rohstoffe berücksichtigt, sondern auch die für Anschaffung, Wartung, Service und Lagerung.

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Wie die Abwärme oder die Wärme aus dem Blockheizkraftwerk einer Biogasanlage genutzt werden können, zeigt die Animation "Biogas - Abwärme clever nutzen"

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