Ökostrom: Eine Frage der Rechnung

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Für viele Ökostromanbieter ist sie seit längerem ein Ärgernis: die gesetzliche Stromkennzeichnung nach §42 EnWG. Diese erlaubt es Stromversorgern, bis zu 45 Prozent des eigenen Strommixes als „Erneuerbare Energien, finanziert aus der EEG-Umlage“ auf der Stromrechnung auszuweisen – unabhängig davon, ob dieser je eingekauft wurde oder nicht. Daher sehen auch konventionelle Stromtarife auf der Rechnung „grüner“ aus, als sie tatsächlich sind. Auch der CO2-Ausstoß erscheint entsprechend geringer.

Der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick schickte sich daher an, den „wahren“ Grünstromanteil von 50 großen Stromtarifen in Deutschland ohne jenen EEG-Pflichtanteil auszurechnen und zu veröffentlichen. Im Resultat schneiden viele Anbieter deutlich schlechter ab, als es zunächst den Anschein hat. Ihr Ökostromanteil ist deutlich kleiner, ihr CO2-Ausstoß hingegen bis zu 80 Prozent höher als auf der Stromrechnung angegeben.

Klimaretter.info bemerkt zu dieser Kennzeichnungspraxis ironisch: „Wie praktisch: Der Versorger darf sich mit grünem EEG-Strom schmücken und diesen in der Werbung anpreisen – nachdem seine Kunden mit ihrem EEG-Beitrag selbst dafür gesorgt haben. Das hat doch Methode.“

Spiegel Online stellt eine Irreführung der Verbraucher fest: „Das veraltete Gesetz provoziert sozusagen ein groß angelegtes Greenwashing“. Auch sei die Praxis Wettbewerbsverzerrung im großen Stil. Denn reine Ökostromanbieter seien nicht in der Lage, ihren Vorteil gegenüber Stromversorgern zu betonen, deren Strom größtenteils aus Kohlekraftwerken stammt. Für Verbraucher, deren Versorger nicht in der Lichtblick-Aktion vorkommen, liefert Spiegel Online gleich den Rechenweg mit.

Contra zu der Kritik äußert Christian Esseling vom Stadtwerke-Netzwerk Asew in der Zeitung für kommunale Wirtschaft und fordert eine differenziertere Betrachtung. Die Stromkennzeichnung sei eine „durchaus sinnvolle Vorgabe des Gesetzgebers“, um das Bewusstsein der Verbraucher für die Energiewende zu stärken. Schließlich werde der EEG-geförderte Strom auch tatsächlich produziert. Letztlich sei die Kennzeichnung der Stromherkunft jedoch kein Lenkungsinstrument, um die Energiewende voranzubringen. Gerade regionale Energieversorger seien hier in Bereichen engagiert, die sich nicht in der Stromkennzeichnung wiederspiegeln.

Tatsächlich muss auch der von Lichtblick errechnete „wahre“ Strommix nicht unbedingt zu mehr Transparenz über die Herkunft des Stroms führen. Denn auch der nicht-EEG-geförderte Ökostrom – auf der Stromrechnung als „Sonstige Erneuerbare Energien“ ausgewiesen –  kann durchaus Kohlestrom sein, der durch nachträglich zugekaufte Herkunftsnachweise grün „eingefärbt“ ist.

Gerade für reine Ökostromanbieter bietet die gesetzliche Stromkennzeichnung also keine Transparenz über den Umweltnutzen ihrer Produkte. Um den Verbrauchern dennoch Orientierungshilfe bei der Wahl ihres Stromtarifes zu geben, haben sich eine Reihe von Qualitätssiegeln etabliert. Diese beachten etwa die Nutzung von Herkunftsnachweisen oder ob ein Teil des Gewinnes in neue Erneuerbare-Energien-Anlagen fließt. Als besonders strenges Siegel gilt hier das Label „Grüner Strom“.

- Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht. -