In diesem Winter wird der Strom knapp

kurzschlussteaser_250Wir erinnern uns alle noch gut an die Schlagzeilen, als das Gespenst der „Stromlücke“ in Deutschland umging. Eine „Hausgemachte Stromkrise“ diagnostizierte Die Welt im Winter 2008, weil die Politik nur noch Klimaschutz im Sinn habe. „Deutschland braucht Hilfe aus Österreich“ alarmierte die FAZ dann im Januar 2012 und Die Welt erklärte die Stromversorgung in Deutschland nur noch zur „Glückssache“ – und diesen Schlamassel verursachen natürlich allein diese unzuverlässigen Erneuerbaren Energien. Tatsächlich wird Strom in diesem Winter knapp – aber nicht in Deutschland, sondern in Belgien. Drei Atomkraftwerke stehen still, was der Hälfte der gesamten AKW-Leistung entspricht. Aber nicht wegen einer politisch motivierten „übereilten Energiewende“, sondern weil die maroden Meiler aus Altersgründen immer mehr Risse und Brüche bekommen, sozusagen eines natürlichen Todes sterben. Nun ist die belgische Regierung sogar dazu gezwungen, die Bürger zum Stromsparen aufzurufen. Sie sollten doch bitte nur noch Eintöpfe auf einer Herdplatte kochen, die Computer ausschalten und die Treppe statt des Fahrstuhls benutzen. Ganze ländliche Regionen sollen im Ernstfall vom Netz getrennt werden, um einen Blackout zu verhindern. Neuen Atomstrom wird es so schnell nicht geben. Der Bau von Atomkraftwerken dauert viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte. Im Vergleich zum bisher einzigen AKW-Neubau innerhalb der EU im finnischen Olkiluoto schreitet indes selbst der Bau des Flughafens BER in geradezu atemberaubendem Tempo voran.

Mit ihrer atompolitischen Sackgasse stehen die Belgier aber nicht allein da. Auch in Großbritannien musste die französische EDF – genau jene, die ein neues AKW auf der Insel errichten darf – fünf AKW-Blöcke wegen Risse in den Kesseln abschalten. Viele französische Reaktoren sind baugleich mit denen in Großbritannien. Das älteste AKW in Fessenheim, nahe der deutschen Grenze, wird bereits trotz aller Warnungen nur noch künstlich am Leben gehalten. Die kommenden Winter könnten also spannend werden. Gut in Erinnerung ist der Winter 2012, als Frankreich nahe vor dem Blackout stand. Deutschland versorgte das Atomstromland Nr. 1 mit Solar- und Windstrom.

Deutschland hat gerade Strom im Überfluss und könnte den Belgiern genügend davon abgeben. Nach Belgien fehlen aber die Leitungen. Der Strom müsste den Umweg über Frankreich nehmen. Doch die französischen Stromheizungen fressen an kalten Tagen so viel Strom, dass für die Belgier nichts mehr übrig bleibt. Die Bewohner werden im Winter tapfer sein müssen. Wenigstens sind die Belgier die tapfersten unter den gallischen Völkern, wie Caesar ihnen der Legende nach bescheinigte.

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, in der Rubrik "Kurzschluss" veröffentlicht. Der Kurzschluss behandelt einmal im Monat ein energiepolitische Thema - mit Augenzwinkern.