Das Märchen vom Wegwerfstrom

kurzschlussteaser_250„Es gibt Dinge, die sind so falsch, dass noch nicht einmal das Gegenteil richtig ist“, sagte der österreichische Satiriker Karl Kraus einst. Und bei manchen Dingen lässt sich die Wahrheit schwer herausfinden, so wie bei der Frage, ob es Nessie oder den Yeti wirklich gibt. Viele Menschen wollen sie gesehen haben. Wer kann ihnen schon das Gegenteil beweisen? Auch die „Deindustrialisierung Deutschlands“ durch die Energiewende wollen manche schon beobachtet haben. Doch hier ist die Faktenlage völlig anders: Wer sich ernsthaft auf die Suche nach Beweisen macht, wird schnell fündig: Das genaue Gegenteil ist richtig. Die Energiewende vertreibt die Industrie keineswegs aus Deutschland, sondern lockt ausländische Betriebe sogar an. Das zeigt ein Blick auf die Aluminiumbranche. Der insolvente niederländische Alu-Produzent Aldel hat sich eigens ein neues Stromkabel nach Deutschland legen lassen und ist dank seither wieder zurück im Geschäft. Im Jahr 2013 hatte das Industrieunternehmen noch Insolvenz angemeldet. Doch der Retter in der Not war der niedrige deutsche Industriestrompreis. Im März verkündete das Unternehmen schließlich, dass es nun die Produktion wieder anwerfen und mit den deutschen Aluminiumhütten konkurrieren könne. Eigentlich sollte es doch der Sage nach andersherum laufen?

Ein weiteres beliebtes Märchen um die Energiewende lautet: Deutschland verscherbelt „Wegwerfstrom“ zu Schleuderpreisen ins Ausland, und kauft ihn teuer bei den Nachbarn wieder ein. Auch hier ist das Gegenteil richtig. Der Energieblog „Phasenprüfer“ hat einen Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes geworfen und Erstaunliches festgestellt: Deutschland bekommt für seinen exportierten Strom im Schnitt mehr Geld, als es für den importierten ausgibt. Für jede Kilowattstunde, die Deutschland ins Ausland verkauft, bekommen die deutschen Kraftwerksbetreiber durchschnittlich 4,7 Cent. Importierter Strom kostet dagegen nur 4,5 Cent. Also von wegen Deutschland verramscht seinen Strom und zahlt am Ende drauf. Der Export von Strom ins Ausland beschert der deutschen Wirtschaft erhebliche Einnahmen, 2014 blieben nach Abzug der Importkosten unterm Strich rund 1,8 Milliarden Euro. Strom für 3,5 Milliarden Euro wurde ins Ausland verkauft, nur 1,7 Milliarden Euro wurden für Importe bezahlt. In den vergangenen neun Jahren hat Deutschland jedes Jahr Überschüsse mit dem Stromhandel erwirtschaftet. Seit 2006 hat Deutschland dadurch zusammengerechnet 12 Milliarden Euro verdient. Der Stromexport trägt damit seit Jahren zum überbordenden Außenhandelsüberschuss Deutschlands bei, welcher auch 2014 Jahr wieder alle Rekorde brach.

Diese beiden Beispiele zeigen also: Manche Dinge sind einfach nur falsch, und das Gegenteil ist richtig. 

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.