Claude Turmes: Die Energiewende - Eine Chance für Europa.

RT_Turmes_Cover_Energiewende„Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt“, bemerkte Ex-EU-Kommissionspräsident Jacques Delors 1992. Womit aber kann die EU heute ihre Bürger für die Fortführung des Integrationsprozesses begeistern? Mit Währungspolitik und einem „Weiter so“ in Sachen Austerität wohl kaum. Mit einer europäischen Armee? Mit einer Festung Europa gegen Flüchtlingsbewegungen?

Eine klare Antwort in Buchform kommt von Claude Turmes, dem langjährigen grünen Europaparlamentarier. Wer den quirligen Luxemburger kennt, ist nicht überrascht: Eine europaweite Energiewende hätte ihm zufolge das Potenzial, dem europäischen Gedanken endlich wieder Schwung zu geben. Mit einem entschlossenen Umstieg auf Erneuerbare Energien könnte die EU nicht nur einen dringend notwendigen Jobmotor in Gang bringen. Hilft die EU den Haushalten und Unternehmen, mit heimischen erneuerbaren Energien, ihre Energierechnung zu reduzieren, kann gleichzeitig das Geld in den europäischen Regionen bleiben.

So simpel die Theorie, so kompliziert die Umsetzung in der Brüsseler Praxis. Turmes beschreibt aus nächster Nähe die Konflikte in den intransparenten Entscheidungsprozessen der EU-Institutionen. Zwar sind ein einheitlicher Energiemarkt und das Erreichen der Klimaziele europäische Gemeinschaftsaufgabe, doch haben die Mitgliedstaaten die Hoheit über ihren Energiemix und folgen oft nur nationalen Egoismen. Wie nationale Industrien, Energiekonzerne und Netzbetreiber mit Regierungen, Kommissionsbeamten und Parlamentariern um Richtlinien und Verordnungen schachern, deckt Turmes kenntnisreich auf. Dass ihm das auf so unterhaltsame und spannende Weise gelingt, liegt auch daran, dass er selbst seit rund 20 Jahren bei allen energiepolitischen Entscheidungen dabei war.

Sein Buch zeigt auf, dass Brüssel eben viel mehr bietet als eine scheinbar nur lobbygesteuerte Bürokratie. Seit den 1990er Jahren konnten Umweltbewegungen, fortschrittliche Beamte, Abgeordnete und Minister schließlich eine ehrgeizige und erfolgreiche europäische Energiepolitik aufbauen. Mehr als eine Million EU-Bürger arbeiten heute in der Erneuerbare-Energien-Branche. Turmes zeigt auf, welch harte Arbeit notwendig war, um die Weichen richtig zu stellen und welche Gefahren durch Gegner der Erneuerbaren lauern.

Eine Gegenbewegung gibt spätestens seit der Wirtschafts- und Finanzkrise wieder den Ton an: Erneuerbare Energien sollen nicht mehr gefördert werden, sondern sich selbst auf den Energiemärkten bewähren. Noch bremsen dort die nationalen Platzhirsche mit ihren Oligopolen, machen den Betrieb von Wind-  und Solaranlagen unnötig kompliziert.

Turmes erklärt aber auch, auf welch tönernen Füßen diese Machtstrukturen stehen, im Zeitalter von Digitalisierung und Kostenverfall bei den Erneuerbaren. Er ruft dazu auf, dass sich Bürger mit ihren Kommunen und progressiven Unternehmen zusammenschließen. Gemeinsam könnte eine solche Koalition die Zukunft der europäischen Energieversorgung in die Hände nehmen. Nicht weniger als eine europaweite demokratische Graswurzelbewegung ist notwendig. Manche Dinge sind schließlich zu wichtig, um sie nur einem Binnenmarkt zu überlassen.

Claude Turmes: Die Energiewende – Eine Chance für Europa.
384 Seiten, oekom-Verlag, München, ISBN-13: 978-3-96238-012-0, € 25.-

- Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht. -