Grüne Handschrift - schwarze Tinte

kurzschluss_banner

Der 31. Mai eines jeden Jahres lässt viele Bürger schwitzen. Nicht die globale Erwärmung ist dann der Grund, sondern die auslaufende Abgabefrist für die eigene Steuererklärung. Die vorangegangenen Nächte verbringen nicht wenige Steuerzahler vor Schuhkartons und sortieren Belege und Quittungen des vergangenen Jahres. Wer Ärger vermeiden will, nutzt ein professionelles Steuerprogramm, das mit einem roten, fetten Ausrufezeichen warnt, wenn Eingaben inkonsistent sind. Über eine solche Funktion sollten auch jene Programme verfügen, mit denen Fraktionen ihre Koalitionsverträge schreiben. Sie könnte helfen, Widersprüche zu vermeiden.

Leider fehlt sie bislang – wie der Anfang Mai 2016 ausgehandelte baden-württembergische Koalitionsvertrag zwischen Bündnis 90/Die Grünen und CDU zeigt. Denn der Blick in das Kapitel zur Klima- und Energiepolitik verwirrt: Die sogenannte Kiwi-Koalition setzt sich für einen verbindlichen bundesweiten Ausstieg aus der Kohlenutzung erst bis Mitte des Jahrhunderts ein und hat gleichzeitig das Ziel, dass die Treibhausgasemissionen bis dahin um 90 Prozent gesunken sein werden. Experten halten einen Kohleausstieg allerdings schon 2025 für notwendig, um das beim Pariser Klimagipfel vereinbarte 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können. In diesem Teil des Koalitionsvertrages scheint die Kiwi also nur aus schwarzen Kernen zu bestehen. Dennoch freut sich Grünen-Chefin Simone Peter, der Koalitionsvertrag insgesamt trage „eine ganz klar grüne Handschrift“. Wäre eine Koalitionssoftware zum Einsatz gekommen, hätte ein fettes Ausrufezeichen im Energie-Kapitel Nachverhandlungen wohl unumgänglich gemacht, bis die Formularprüfung meldet: Inkonsistenz beseitigt!

Bis der nächste bundesdeutsche Koalitionsvertrag geschrieben wird, gehen noch 15 Monate ins Land – hoffentlich genug Zeit für Software-Entwickler, sich Gedanken über einen Anti-Inkonsistenz-Filter zu machen.

Der monatliche Kurzschluss erscheint im Renews, dem monatlichen Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien. Er behandelt stets ein Thema der aktuellen energiepolitischen Debatte - mit Augenzwinkern.