"Das Chancenplus war ausgeglichen"

kurzschlussteaser_250Der siebte Spieltag der 53. Bundesliga-Saison ist beendet und die montäglichen Kantinengespräche haben seit Ende der Sommerpause wieder eine feste Struktur. Dank Kellerduellen und erstem Trainerabtritt sind die Sportredakteure bereits warm gelaufen. Doch die schon vor dem ersten Ankick entschiedene Meisterfrage schmälert die Spannung erheblich. Ein weiteres Manko der aktuellen Saison: Medientraining setzt sich bei hochklassigen Spielern und Trainern immer mehr durch, so dass Fußballsprüche nach dem Vorbild eines Trapattoni oder Matthäus leider seltener geworden sind. Das Ergebnis: Wo man hinzappt finden sich immer seltener Stilblüten, verbale Ausrutscher oder phantastische Vergleiche, sondern immer öfter galante Allgemeinplätze und geschliffene Antworten.

Dennoch ist die Kulturtechnik Fußballspruch nicht tot, sondern -  wie schon der Hallenturnschuhe vor ihr - in andere Lebensbereiche übergetreten. Die Fußballmetapher dient häufig politischen Akteuren, die auf Tuchfühlung mit dem Bürger gehen wollen. Aktuelles Beispiel: Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG-BCE) im Interview mit dem Magazin Cicero. Vassiliadis geht es im Gespräch eigentlich um die Gerechtigkeit der Energiewende, die er durch die Erneuerbaren Energien gefährdet sieht. Da dieser These schlicht jede Grundlage fehlt und sie nicht nachvollziehbar ist, versucht er es mit einem Fußballvergleich. Ob er diesen Topos wählt, weil er Fan des Sports oder Liebhaber des Genres ist, bleibt ungewiss. Der Gewerkschaftler hat jedenfalls das Gefühl, die Ausrichtung der Energiepolitik auf Klimaschutz hätte die großen Energiekonzerne plötzlich „rausgeschossen“. Das sei so, als „würde man beim Fußball mittendrin die Regeln ändern und der einen Mannschaft das Tor wegnehmen“. So Vassiliadis. „Das Spiel wäre dann gegebenenfalls noch amüsant anzugucken, aber nicht mehr gerecht und sinnvoll schon gar nicht.“.

Mit „mittendrin“ meint er wohl das Jahr 1991, in dem das Stromeinspeisegesetz in Kraft trat und seit dem Bürger und Kommunen begonnen haben, Erneuerbare-Energien-Anlagen zu errichten. Es scheint, als sei dem Gewerkschaftler etwas passiert, was die englische Trainerlegende Bobby Robson kurz und prägnanter so formuliert hatte: „Wir haben unsere Gegner nicht unterschätzt. Sie waren nur besser, als wir dachten.“ Denn auch in der Energiewirtschaft gilt, was Marcel Reif schon immer wusste: Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt.

Nun ja: Michael Vassiliadis sei erst einmal herzlich gedankt, weil  er sich um die Kulturtechnik Fußballspruch wahrhaft bemüht und den Ball aufgenommen hat. Solange die Lahms und Benders dieser Bundesliga weiterhin gekonnt verbalisieren, lesen wir gern mehr vom IG-BCE. Schöne Hereingabe also. Wir flanken zurück mit einem Zitat von Aleksandar Ristic: „Wenn man ein 0:2 kassiert, dann ist ein 1:1 nicht mehr möglich.“

Der monatliche Kurzschluss erscheint im Renews, dem montlichen Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien. Er behandelt stets ein Thema der aktuellen energiepolitischen Debatte - mit Augenzwinkern.