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rifkinDas Ende einer Ära steht bevor, wenn man Jeremy Rifkin Glauben schenkt. Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom malt in seinem herausfordernden Buch „Die Null Grenzkosten Gesellschaft – Das Internet der Dinge, Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“ eine rosig-grüne Prognose für die Zukunft aus. In diesem Szenario der ‚Kollaborativen Commons‘ entwickelt sich ein demokratisches Wirtschaftssystem in einer ökologisch nachhaltigen und vernetzten Gesellschaft, welche lieber Güter teilt als sie zu scheffeln, wie z.B. grünen Strom. Diese sogenannten Prosumenten, empathischer und weniger materialistisch als ihre Vorgänger, sind zugleich Konsumenten und (ihre eigenen) Produzenten. Es entsteht eine Teil- und Tauschwirtschaft, welcher Rifkin den bevorstehenden Niedergang des Kapitalismus (als dominantem Bestandteil) zuschreibt: „weltweit teilen, statt einen globalen Riesen bezahlen“. Konzerne der Energiebranche können einpacken, da in der kommenden Ära Erneuerbare-Energien-Mikrokraftwerke in einem offenen und globalen Energieinternet von Prosumenten so geteilt werden würden, wie wir heute schon Informationen im Internet. Rifkins These: „Umweltaktivisten und Softwarehacker werden zu Seelenverwandten“. Mit dem Rohölrekordpreis vom Juli 2008 sieht Rifkin den Zusammenbruch der zweiten Industriellen Revolution: die „Abenddämmerung der Ära fossiler Energieträger“. Laut Analyse des Autors herrscht das Sozial- dem Finanzkapital in der dritten Industriellen Revolution vor; Nachhaltigkeit ist heutzutage modisch.

Rifkins gesellschaftliche Analyse und die damit zusammenhängende These der Null-Grenzkosten-Gesellschaft ist sauber durchdacht, bei Zeiten scheint seine Zukunftsvoraussage jedoch so überaus optimistisch, dass der kritische Leser naturgemäß zweifelt. Mit einer Spur der Übertreibung im Wortgebrauch erweist sich dies jedoch als rein provokativ - zum Ende hin wird der Autor differenzierter und zeigt klare Fakten bezüglich unserer Ressourcenknappheit und überdurchschnittlicher Wärme auf. Klimawandel und Cyberterrorismus stellen die größte Bedrohung der Menschheit dar, mit dem Potenzial für durchaus düstere Zukunftsaussichten. Des Lesers anfängliche Hoffnung auf die „Heilung des Planeten“ bleibt trotzdem erhalten, Rifkin betont die (perspektivische) Möglichkeit – es ist noch nicht zu spät. Zugleich wird man mit etwas Stolz erfüllt, da diese Bewegung bereits begonnen hat, der Leser ist/wird Teil der Revolution. Rifkin blickt tief in die Strukturen/die Natur des Menschen, hinterfragt die heutige Validität konventioneller und ‚typisch ökonomischer‘ Theorien von Denkervätern wie Thomas Hobbes oder Adam Smith, und wendet Ideen politischer Schlüsselfiguren, wie Gandhi, auf unsere (scheinbar florierende) Gesellschaft an (Gemeinschaft über Eigeninteresse)/ und wendet Gandhi’s Mantra ‚Gemeinschaft über Eigeninteresse‘ auf unsere, scheinbar florierende, Gesellschaft an. Ein neues wirtschaftliches Paradigma gekoppelt mit einer Veränderung im menschlichen Bewusstsein – dies stellt Rifkin beispielhaft und sinnbildlich auf 452 Seiten dar.

Charlene Rossler

Jeremy Rifkin:
Die Null Grenzkosten Gesellschaft.
Das Internet der Dinge, Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus
campus Verlag Frankfurt/M., 2014
ISBN-13: 978-3593399171
525 Seiten
27,00 Euro

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.

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