Über Nesthocker und Nestflüchter

kurzschlussteaser_250„Mama, bekomme ich noch ein Eis?“ – „Papa, ich brauche neue Turnschuhe.“ – „Das Geld für die Klassenfahrt muss noch überwiesen werden“. Während der eigene Nachwuchs heranwächst, kommen Eltern nicht nur für Nahrung, Unterkunft und Bildung auf, sondern sie sorgen auch für vielfältige Anreize und Angebote. Schließlich soll aus den Sprösslingen mal etwas werden. Die Ablösung von den Eltern setzt beim Menschen erst nach rund zwei Jahrzehnten ein, während das „Auf-eigenen-Beinen-Stehen“ in der Tierwelt oft nur eine Sache von Minuten ist. Die Biologie unterscheidet zwischen Nestflüchtern und Nesthockern – ein Gleichnis, das sich dieser Tage auch in der Wirtschaftspolitik wiederfindet:

So erweist sich die Atomkraft als ein regelrechter Nesthocker. Bereits seit über 60 Jahren wird diese Risikotechnologie staatlich subventioniert – und noch immer ist kein Ende in Sicht: Für den Neubau des britischen Atomkraftwerks Hinkley-Point-C hat die britische Regierung dem Kraftwerksbetreiber EDF für die nächsten 35 Jahre unabhängig von der realen Preisentwicklung das Doppelte des aktuellen Marktpreises zugesichert. Kritiker rechnen damit, dass sich diese staatlich garantierten Vergütungszahlungen im Laufe der Förderzeit auf 108 Milliarden Euro summieren werden. Das sind viele Steuergelder für eine Technologie, die es am Ende des Subventionszeitraums fast ein Jahrhundert nicht geschafft haben wird, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen.Die Förderpolitik der Briten hinterlässt den Eindruck, dass auch in der Regierung niemand mehr davon ausgeht, dass Atomkraftwerke jemals wirtschaftlich betrieben werden können.

Gleichzeitig lassen die Briten die seit April 2001 laufende Förderung für Onshore-Windparks bereits im April 2016 auslaufen – also ein Jahr früher als geplant. Die Begründung der zuständigen Ministerin für Energie und Klimawandel, Amber Rudd: „Wir möchten den Technologien dabei helfen, auf eigenen Füßen zu stehen und nicht dazu ermuntern, auf öffentliche Hilfe zu vertrauen.“ Für solcherlei staatliche Nachhilfe beim Nestflüchten gibt es im Bereich der Erneuerbaren Energien zahlreiche Beispiele. Bei der Atomenergie hingegen wäre diese Ungeduld fehl am Platz. Denn ein sechzigjähriger Nesthocker wird wohl nie ohne Hilfe auskommen.

Till Weber

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlich.