Energie-Kommune des Monats: Schönau im Schwarzwald

Am besten sieht man die PV-Dachanlagen der Stadt von oben (Foto: Stadt Schönau im Schwarzwald).November 2022

Als Luftkurort wird Schönau im Schwarzwald von einer bergig-grünen Landschaft eingerahmt. Fast könnte man die beschauliche 2400 Einwohner*innen Stadt im Süden Baden-Württembergs als Vorzeigeidylle bezeichnen, wäre da nicht der rebellische Geist ihrer Bewohner*innen. In den 90er-Jahren machten die Schönauer Stromrebellen erstmals deutschlandweit auf sich aufmerksam. Von manchen damals noch als Träumer verschrien, leiten sie heute die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) seit über zwei Jahrzehnten erfolgreich und treiben weit über die Grenzen der Kommune die lokale Energiewende voran. Aber auch im Ort geht es voran. In enger Zusammenarbeit mit Bürgermeister Peter Schelshorn und der Bürger*innenschaft werden der konsequente Ausbau der Erneuerbaren in allen Sektoren und Projekte wie das jährliche Treffen der E-Motorräder in der Kommune angestoßen und umgesetzt.

Rebellischer Ausgangspunkt einer lokalen Energiewende

Entstanden sind die lokal und genossenschaftlich organisierten EWS aus einer Bürgerinitiative als Reaktion auf den Super-GAU von Tschernobyl. Entgegen den Anstrengungen der großen Stromversorger gewannen diese frühen Stromrebellen, wie sich die Aktivisten selbst nannten, in den 90er-Jahren mehrere Bürgerentscheide, die ihnen die Kontrolle über die kommunale Stromversorgung gaben. Seitdem treiben die Elektrizitätswerke, die sich in den Folgejahren immer weiter professionalisierten – dabei aber nie die eigenen Wurzeln aus den Augen verloren –konstant die Energiewende voran.

Maßgebliche Triebfedern waren die Mitgründer*innen und Schönauer Träger*innen der Bürger*innenmedaille Dr. Michael und Ursula Sladek. Ihre kritische Haltung und die zumindest damals revolutionäre Vorstellung einer dezentralen, nachhaltigen Energieversorgung bestimmt noch heute das Handeln der Kommunalverwaltung. „Der Geist der Familie Sladek wirkt bis heute in der Stadtverwaltung nach“, so Schelshorn. „So war Ursula Sladek beispielsweise die treibende Kraft hinter dem Beitritt der Stadt zum CO2-Abgabe-Verein. Dort sind wir bis heute aus Überzeugung engagiert.“ Der Verein, der inzwischen unter dem Namen „Initiative Klimaschutz im Bundestag“ firmiert, setzt sich besonders für die schnelle Umsetzung eines Maßnahmenpakets auf Bundesebene ein, welches die kommunale Energiewende voranbringen soll. Maßnahmen wie die Bepreisung von CO2 sind heute bereits teilweise umgesetzt, jedoch lassen dediziert kommunale Forderungen wie die Förderung regionaler Strompreise und die verbindliche Erstellung von Energieleitplänen in jeder Kommune weiter auf sich warten. Ganz konkret wirkt Dr. Michael Sladek heute noch im Gemeinderat mit und treibt dort die kommunale Energiewende weiter voran.

Stadt und Stromrebellen als Triebfeder der kommunalen Energiewende

PV-Dachanalage auf dem Neubau der Mehrzweckhalle (Foto: Stadt Schoenau im Schwarzwald).Heute arbeiten Kommune und EWS in allen Sektoren zusammen, wenn es um den Ausbau der Erneuerbaren Energien geht. So beschreibt Bürgermeister Schelshorn das Verhältnis der Stadt mit ihrem Energieversorger als stets konstruktiv und partnerschaftlich. Dieses einzigartige Verhältnis prägt die kommunale Energiewende bis heute und entfaltet so auch weit über die Kommune hinaus Wirkung. So empfing Bürgermeister Schelshorn gemeinsam mit der EWS seit seinem Amtsantritt 2012 Delegationen aus der gesamten Bundesrepublik aber auch aus Weltregionen wie Japan. Dabei stellen Stadt und Energieversorger Gemeinschaftsprojekte vor und geben vertiefte Einblicke in die Entstehungsgeschichte dieser erfolgreichen Partnerschaft.

Zuletzt nahm im letzten Jahr eine Solaranlage auf der neugebauten Mehrzweckhalle auf dem Gebiet der Stadt ihren Betrieb auf. Mit einer Leistung von knapp 100 Kilowatt Peak trägt die Anlage zur Energiesicherheit der Kleinstadt bei. Aktuell wird neben dem Rathaus von Schönau auf einem Gebäude, das zukünftig die kommunale Tourismusinformation und die Geschäftsstelle des Biosphärgebiets Schwarzwald beherbergen wird, die Installation einer passenden Solaranlage geplant. Nachdem der Gemeinderat dem Beschluss bereits zugestimmt hat, steht der Installation nichts mehr im Wege. Momentan befinden sich die Bauarbeiten in vollem Gange. Nachdem der Dachstuhl bereits fertiggestellt ist, wird die PV-Dachanlage planmäßig 2023 die Touristeninformation, die Geschäftsstelle sowie das angrenzende Rathaus mit erneuerbarem Strom versorgen. Die Stadt geht so als Triebfeder einer Solaroffensive voran, will aber auch ihre Bürger*innen zu eigenen Investitionen in die Erneuerbaren Energien motivieren. Hier arbeitet sie eng mit ihrem Landkreis, dem Landkreis Lörrach, zusammen. Im Projekt ‚Solar365 – Dein Dach für gutes Klima‘ arbeiten die Landkreise Lörrach und Waldshut mit der Energieagentur Südwest und dem Photovoltaiknetzwerk Hochrhein-Bodensee und weiteren Partner*innen aus Zivilgesellschaft und lokaler Wirtschaft daran, möglichst schnell viele geeignete Dächer mit PV-Dachanlagen auszustatten. Dort werden Bürger*innen über Vorurteile zur Sonnenenergie aufgeklärt und lernen verschiedene Anlagentypen und Vorteile einer eigenen PV-Dachanlage in Veranstaltungen kennen. Im ‚Eignungscheck Solar‘ erhalten Interessierte eine individuelle Beratung zur Möglichkeit einer PV-Anlage auf dem eigenen Dach. Kosten für die professionelle Beratung entstehen dabei für die Eigentümer*innen nicht, da Landkreis und Stadt die Kosten unter sich aufteilen. Im Rahmen der Initiative schrieb die Stadt gezielt Haushalte mit einem geeigneten Dach und einer zu erwartetenden Rendite von über drei Prozent an, um vielversprechende Dächer möglichst schnell für die Stromerzeugung nutzbar zu machen. Als Teil der Maßnahme installiert die EWS für die Interessierten schlüsselfertige PV-Lösungen. Der eigene Erfolg gibt dem Stromerzeuger recht. Heute fördert dieser rund 3.100 „Rebellenkraftwerke“ auf den Dächern seiner Kunden*innen im ganzen Bundesgebiet. Rechnerisch decken die Kraftwerke mit einer Erzeugungskapazität 30.000 Kilowattstunden pro Jahr den Strombedarf einer deutschen Kleinstadt.

Nahwärmenetz für alle – Schönau erweitert das eigene Netz beständig

Eingang der neuen Heizzentrale (Foto: EWS).Von Jahr zu Jahr wichtiger wird die Wärmewende, die in Deutschland immer noch zu langsam voranschreitet. Auch in diesem Bereich ist Schönau ein waschechter Pionier. Bereits 1994 wurde hier ein erstes Nahwärmenetz installiert. Dieses versorgte ab 2007 zuerst das städtische Gymnasium und bald auch das Rathaus samt Nebengebäude mit Wärme. Über die Jahre wurde das Netz beständig erweitert und dekarbonisiert. 2016 baute die Stadt in einem Gemeinschaftsprojekt mit der EWS ein weiteres Nahwärmenetz auf, welches zunächst das Freibad und mittlerweile auch das städtische Seniorenzentrum sowie die Sozialstation der Stadt mit Wärme versorgt. Das Netz wurde in den Folgejahren immer weiter ausgebaut und erstreckt sich inzwischen fast über das ganze Stadtgebiet. Heute sind beide Nahwärmenetze verbunden und stellen insgesamt runde 2.200 Megawattstunden Wärme für alle angeschlossenen Haushalte zur Verfügung. Über 90 Prozent der Wärme werden nachhaltig über die Nutzung von Bioenergie erzeugt. Auch in diesem Bereich findet man in Schönau besonders innovative Lösungen. So werden zwischen 700 und 900 Megawattstunden Wärmeenergie allein durch den Abfall eines lokalen Bürstenherstellers bereitgestellt. Dessen getrocknete Buchenholzspäne eignen sich ausgezeichnet als Brennstoff. 80 Prozent der Grundwärme des Wärmenetzes werden so allein durch Späne gedeckt. Insgesamt reduziert das Wärmenetz, welches inzwischen fünfeinhalb Kilometer lang ist, den städtischen Treibhausgasausstoß um circa 300 Tonnen pro Jahr.

Zuletzt wurde das mittlerweile von der EWS betriebene Netz 2021 erweitert. Im Mai ging die neue Heizzentrale in der Nähe des Freibades in Betrieb. Dort wurden ein Pufferspeicher mit einem Fassungsvermögen von 25.000 Litern und zwei neue Blockheizkraftwerke zum Ausgleich von Bedarfsschwankungen in Betrieb genommen. Der Ausbau geht auch im nächsten Jahr weiter. So sollen Lücken im Netz geschlossen und städtische Gebäude wie beispielsweise neu geschaffene Sozialwohnungen sukzessive angeschlossen werden. Der Bürgermeister begrüßt das Engagement der EWS. „Perspektivisch sollen alle städtischen Gebäude an das Nahwärmenetz angeschlossen werden“, betont Schelshorn. „Gleichzeitig wollen wir allen Privathaushalten die Möglichkeit des Anschlusses an das Wärmenetz eröffnen. Eine Möglichkeit, die von der großen Mehrheit unserer Bürger*innen wahrgenommen und genutzt wird.“ Bei der Verlegung des Wärmenetzes auf der ehemaligen Hauptstraße der Stadt, der Kirchbühlstraße, entschieden sich laut Bürgermeister Schelshorn über 70 Prozent für einen Anschluss ans Wärmenetz.

Kreative Maßnahmen verankern Energie-, Wärme- und Verkehrswende in der Bürger*innenschaft

Damit die energetische Transformation auch in Zukunft weiter vorangeht, müssen Kommune und Bürger*innen an einem Strang ziehen. Über zahlreiche Projekte informiert die Kommunalverwaltung deswegen ihre Bürger*innen genauso wie Touristen*innen in verschiedenen Veranstaltungen und Installationen über die Vorteile und Herausforderungen der Energiewende. Am Energieerlebnispark werden Interessierte beispielsweise vor schönster Schwarzwaldkulisse über unterschiedliche Energieformen und deren Beziehung zur Klimakrise informiert. Dort können sich Kinder aber auch Ältere über die Chancen und Herausforderungen der Energiewende informieren und an manchen Stationen sogar selbst Hand anlegen.

Bikertreff 'Electric Ride' vor dem Rathaus der Stadt (Foto: Schönau im Schwarzwald).Noch ausgefallener geht es beim ‚Electric Ride‘ zu. Der Bikertreff der etwas anderen Art versammelt E-Motorrad Enthusiasten aus verschiedenen Ländern. Die letzte Ausfahrt wurde im September 2022 gemeinsam mit Bürgermeister Schelshorn und Vertreter*innen der EWS organisiert. Ziel dieser ungewöhnlichen Maßnahme ist es ein Zeichen gegen den Motorradlärm in der Region zu setzen und den Fahrspaß am E-Motorrad und an der E-Mobilität generell zu wecken. Gerade auf dem Land müssen Bürger*innen zum Umstieg gebracht werden, da der Ausbau des ÖPNV im ländlichen Raum den privaten Nahverkehr nur bedingt ersetzen kann. Das hat auch Schönau erkannt, weswegen die Stadt seit 2015 den Bürger*innen sowie Touristen*innen ein E-Auto sowie sechs E-Fahrräder zur Miete zur Verfügung stellt. Über einen elektronischen Kalender im Rathaus sowie der Touristeninformation kann man so bei Bedarf das passende Fahrzeug zu günstigen Konditionen mieten und so E-Mobilität am eigenen Leib erleben. Inzwischen wurde das erste E-Auto aufgrund der weiterhin großen Nachfrage gegen ein neues Modell ausgetauscht. Aber nicht nur die Bürger*innen Schönaus haben die E-Mobilität für sich entdeckt. Bürgermeister Schelshorn, selbst stolzer E-Autobesitzer, sagt dazu: „Alle kleinen und mittelgroßen Fahrzeuge der Stadt sind bereits auf E-Mobilität umgestellt.“ Nur bei den Traktoren und großen Lastfahrzeugen ist die Umstellung aufgrund technischer Hürden noch nicht erfolgt. Geladen werden die Fahrzeuge selbstverständlich mit erneuerbarem Strom aus den Anlagen der EWS. Damit ist die Stadt auch im Bereich der notorisch langsamen Verkehrswende gut aufgestellt und bereit das Tempo in Zukunft weiter anzuziehen.