Energiewende ist Bürgerwende

Im ganzen Land nutzen Kommunen und ihre Bürger Sonne, Wind, Biomasse, Wasser und Erdwärme zur Bereitstellung umweltfreundlicher Energie – schon heute und zukünftig noch sehr viel mehr. Erneuerbare Energien bieten den Menschen vor Ort viele gute Möglichkeiten, sich an Finanzierung, Planung und Bau entsprechender Anlagen zu beteiligen. Diese Demokratisierung der Energieversorgung trägt auch dazu bei, die große Akzeptanz für die Energiewende in der Bevölkerung zu festigen.

Gemeinden, Städte oder ganze Regionen sind zu Vorreitern der Energiewende geworden. Mit ihren Wind- und Solarparks, Biomasse- und Geothermieanlagen an vielen verschiedenen Standorten ersetzen sie zunehmend die wenigen konventionellen Großkraftwerke, die unsere Strom- und Wärmeversorgung jahrzehntelang geprägt haben. Immer mehr Menschen kommen dadurch mit Erneuerbaren Energien in Berührung: Sie können die Windenergieanlage auf dem Berg mit eigenen Augen sehen, haben sie im besten Fall sogar mitgeplant und mitfinanziert. Bürger setzen mehr und mehr auch eigenständig erneuerbare Energieprojekte um – und zwar über die Photovoltaikanlage auf dem eigenen Dach hinaus. Ganze Energieparks sind so bereits entstanden. Mehr als 880 Energiegenossenschaften haben zusammen schon rund 1,2 Miliarden Euro in Erneuerbare ENergien investiert.

Bürger sind Treiber der Energiewende

Buergerbeteiligung














Foto: Energiegenossenschaft Starkenburg

Insgesamt sind 47 Prozent der bis Ende 2012 installierten Leistung aus Erneuerbaren Energien in der Hand der Bürgerinnen und Bürger. Bürgerenergie kommt damit auf einen fast viermal so großen Anteil wie die Energieversorger, die 12 Prozent der Anlagen zur Erzeugung erneuerbaren Energie besitzen. Bürgerenergie ist außerdem der Marktführer bei der Erzeugung von Ökostrom: Über 56.000 Gigawattstunden wurden in Erneuerbare-Energien-Anlagen erzeugt, die Bürgern gehören. Das sind 43 Prozent des produzierten Ökostroms und immerhin über 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland. Zur Bürgerenergie zählen nicht nur der Hausbesitzer mit Solardach oder der Landwirt mit einer Biogasanlage, sondern auch die Mitglieder einer Energiegenossenschaft, die gemeinschaftlich Anteile an einem Windrad halten, oder es sind die Bürgerinnen und Bürger, die zusammen mit Unterstützung der örtlichen Sparkasse eine Solaranlage auf einer Schule installieren.

Erfolgreiche Beispiele

Einige Anlagen werden mit viel Engagement von den Bürgern in ihrer Freizeit geplant und komplett aus Eigenkapital finanziert, wie beispielsweise bei der Energiegenossenschaft Starkenburg. Oder aber Bürger, Unternehmen und eine örtliche Bank machen gemeinsame Sache, bauen professionelle Organisationsstrukturen auf und fördern mit ihren Projekten zugleich die Regionalentwicklung. Gut gelungen ist dies zum Beispiel im Odenwaldkreis. Neben einzelnen Anlagen realisieren und betreiben Bürger, Gemeinde, Unternehmen und Landwirte sogar ganze Nahwärmenetze gemeinsam und profitieren dabei von niedrigen Wärmekosten. Gelungene Beispiele dafür sind die Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber und die Gemeinde Schlöben. In Schleswig-Holstein, wo sich mehr als 90 Prozent der Windenergieanlagen in Bürgerhand befinden, soll das Prinzip der Bürgerbeteiligung auch auf den Ausbau des Übertragungsnetzes angewandt werden. Endpunkt der Leitung ist die Energie-Kommune Niebüll, die auch einen Bürgerwindpark beheimatet.

Informieren, mitreden, mitentscheiden

Akzeptanz sollte schon deshalb im Interesse von Planern, Betreibern und Investoren liegen, da Proteste und Widerstände Bauvorhaben erheblich verzögern und dadurch Mehrkosten entstehen können. Die Energie-Kommune Leutkirch hat vorgemacht, wie eine frühzeitige Bürgerbeteiligung bereits bei der Erarbeitung eines gemeinsamen Energieleitbilds und der Planung von Erneuerbare-Energien-Anlagen gelingen kann.

Bürgerbeteiligung setzt die Offenheit der kommunalen Entscheider und Planer voraus. Denn es kann passieren, dass politisch getroffene Entscheidungen nicht nur in Frage gestellt, sondern womöglich sogar gekippt werden. Dies gelingt nur, wenn alle gemeinsam Möglichkeiten zur Beteiligung entwickeln. Viele Kommunen haben das bereits getan. Sie nehmen den Ausbau der Erneuerbaren Energien in die Hand und dabei ihre Bürger mit. Sie unterstützen die Menschen vor Ort, sich ideell oder finanziell an entsprechenden Anlagen zu beteiligen oder sie sogar selbst zu betreiben. Damit sorgen sie zugleich dafür, dass die breite Akzeptanz der Bürger für das Jahrhundertprojekt Energiewende bestehen bleibt und sich weiter verfestigt.

„Um ein zentrales gesellschaftliches Großprojekt wie die Energiewende umzusetzen, ist ausreichende Akzeptanz der Bürger in jedem Fall zentral.“

Patrizia Nanz, Professorin am  Institut für Interkulturelle und Internationale Beziehungen (InIIS) der Universität Bremen.