"DIGITAL IST BESSER" - IST SMART WIRKLICH DAS NEUE GRÜN?

oekom_Santarius_Digitalisierung_cmyk_Presse_72dpiDigitalisierung ist in aller Munde. Doch was bedeutet das eigentlich für unser Leben, die Wirtschaft oder ganz speziell unsere Energiesysteme? Die Wissenschaftler Steffen Lange und Tilman Santarius nähern sich diesen Fragen der sozialen und ökologischen Transformation und zeigen in ihrem Buch „Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ die Chancen und Risiken des Megatrends Digitalisierung auf.

In welchen unterschiedlichen Lebensbereichen die Digitalisierung Einzug hält, zeigen die beiden Autoren anschaulich an einer Reihe von interdisziplinären Beispielen aus den Bereichen Konsumalltag („Buch oder E-Book“), Mobilität („Car-Sharing“ und „wirtschaftlich-effizientem Güterverkehr“) und Arbeitswelt („mehr oder weniger Arbeitsplätze durch Digitalisierung“). So wird deutlich, dass von der Digitalisierung erwartet wird, Ressourcen zu vermeiden. Allerdings ist mit ihr die Produktion und der Betrieb vieler elektronischer Geräte verbunden, die auf Daten in Rechenzentren zurückgreifen, deren Energiebedarf zunehmend steigt. Jedoch werden auch Chancen der Digitalisierung in der dezentralen Energieversorgung durch die Vernetzung von Erneuerbaren Energien und der Flexibilisierung von Stromnachfrage durch digitale Möglichkeiten aufgegriffen und als essentiell für eine digitale Welt eingeschätzt. Ausführlich widmen sich die Autoren in diesem Zusammenhang dem „Rebound-Effekt“ – also der Entwicklung, dass eine technische oder sozial-ökologische Effizienzsteigerung vorliegt, aber eben durch diese mehr Energieverbrauch entsteht. Der Rebound-Effekt zeigt sich beispielsweise bei der Nutzung von Online Film- und Musikstreaming: Menschen kaufen zwar keine DVDs mehr oder fahren nicht mit dem Auto zur Videothek, aber durch die schnellen, günstigen und zu jeder Zeit verfügbaren Onlinedienste, hören sich Menschen deutlich mehr Musik an und schauen sich mehr Filme an als je zuvor. Der „Rebound-Effekt“ tritt ein und der Stromverbrauch steigt massiv.

Neben den sich im Kern wiederholenden Analysen von Digitalisierung einzelner Stromfresser und deren sozial-ökologischen Auswirkungen erstellen die Autoren eine Agenda. Mit ihr wollen sie konkret politisches Handeln anreizen. U.a. sehen die beiden Autoren eine Reform der bisherigen Förderlandschaft vor. Sie fordern, dass öffentliche Gelder stärker an sozial-ökologischen Kriterien ausgerichtet sein. Ordnungsrechtliche Instrumente schlagen Lange und Santarius allerdings nicht vor. Auf ihrer Agenda aufbauend, zeichnen sie anhand von Leitprinzipien wie Datenschutz und Gemeinwohlorientierung eine hoffungsvolle Zukunft durch Digitalisierung. In einem kurzen Abschlusskapitel plädieren die beiden Wissenschaftler für eine behutsame Digitalisierung, die nicht der Schnelligkeit von digitaler Innovation, sondern der menschlichen Fähigkeit nachhaltige Lebensweisen zu erlernen und zu praktizieren, angepasst ist.

Steffen Lange, Tilman Santarius: Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. München: Oekom Verlag. ISBN: 978-3-96238-020-5. 15,00€.

Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht.