Klimaschutz: Chance für die deutsche Wirtschaft oder Kostenlawine?

RT_Solaranlage_72dpiÖkologie versus Ökonomie – so lautet eine vielzitierte Konfliktlinie in der Energie- und Klimapolitik: Was Umwelt und Klima schütze, sei schlecht für die Wirtschaft und umgekehrt. Dass dieses Entweder-oder-Prinzip gerade durch die Energiewende überwunden wird, mag heute keine neue Erkenntnis sein. Bekannt ist jedoch auch, dass es häufig die Vertreter der Industrie sind, die den Ausbau Erneuerbarer Energien gegen eine vermeintliche „Deindustrialiserung“ Deutschlands ausspielen.

Wenn nun der BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) eine Studie mit dem Titel „Klimapfade für Deutschland“ präsentiert, ist daher das Aufsehen groß. Wie wird sich der Spitzenverband der deutschen Industrie zum Klimaschutz positionieren? Zentrales Ergebnis der von den Unternehmensberatungen Prognos und Boston Consulting erstellten Studie: Das Minimalziel der Bundesregierung, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, sei technisch und volkswirtschaftlich machbar. Das Maximalziel von 95 Prozent Einsparung bewerten die Autoren hingegen als „überambitioniert“.

In der Medienlandschaft stößt die Studie auf ein gemischtes Echo – je nachdem, welcher Aspekt des 300 Seiten starken Werkes aufgegriffen wird.

Die taz greift die BDI-Studie als Hinweis darauf auf, dass die ambitionierten Ziele des Pariser Klimaabkommens durchaus erreichbar seien: „Das klingt utopisch? Nicht wirklich, sagt inzwischen selbst der Bundesverband der deutschen Industrie“. Entsprechend wird BDI-Chef Dieter Kempf zitiert: „Klimaschutz eröffnet vielen unserer Unternehmen langfristig Chancen auf dem Weltmarkt. Richtig gemacht, unterstützt er die Modernisierung einer Volkswirtschaft.“

„Der BDI versucht, sich neu zu erfinden - ein bisschen“, schreibt Spiegel Online. Das Papier zeige, „wie sich Deutschlands mächtigster Industrieverband darum bemüht, seine politische Rolle neu zu definieren.“ Hatte der BDI bislang vor allem gemahnt, den Industriestandort Deutschland nicht durch allzu viel Klimaschutz zu gefährden, sei nun immerhin auch von wirtschaftlichen Chancen und Vorteilen die Rede.

Auch das Handelsblatt erkennt einen Paradigmenwechsel beim BDI. Bislang habe sich der Verband zwar stets zu den deutschen Klimaschutzzielen bekannt, bei der konkreten Umsetzung jedoch eine defensive oder gar ablehnende Haltung gezeigt. Das sei nun vorbei. Unter der Bedingung, dass die energieintensive Industrie von klimapolitischen Zusatzbelastungen befreit würde, könne man mit den Ergebnissen der Studie leben. Bei aller Diskussion über die dort vorgeschlagenen Pfade, sei sie ein „Beleg dafür, dass der BDI als Antwort auf das Klimaproblem  »business as usual« nicht für angemessen hält.“

Die Welt schließlich sieht die Studie als Beleg für die Kosten, die durch die Energiewende drohten: „Denn die Billionenzahl – eine Eins mit zwölf Nullen – ist zurück, wissenschaftlich abgesichert und größer als je zuvor.“ Dabei beruft sich das Blatt auf die 1,5 Billionen Euro Mehrinvestitionen, die den Studienautoren zufolge für das 80-Prozent-Szenario fällig werden.

- Dieser Artikel wurde im Renews, dem Newsletter der Agentur für Erneuerbare Energien, veröffentlicht. -